07-Okt-2006 19:41

 

bisher 9 Stück Essays

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Unverzichtbar

Ääh

Sprachverfall
Sportreporter-
sprache

Haspel

Sprach-
versus
Schreib-
schnitzer

Substantivierung
Fehl-
übersetzung

   
Müllers
Kuh

 
 

UnGzAvS - Essays …

… behandeln im Zusammenhang Prinzipien, Anregungen, Vorstellungen, Streitfragen, und was nützlich sein kann, wenn einer Sprachschnitzer, Sprachdummheiten (Wustmann), Dummdeutsch (Henscheid) anprangern will und bei einzelnen Personen zur Ausmerzung empfiehlt.

© by Helmut Dressler

Sprachverfall ist, wenn …

… die Linguisten ihn leugnen. Demnach ist er immer, denn sie leugnen ihn mit Fleiß, jederzeit und in der großmütigen Pose ihrer Überlegenheit. Sie registrieren ganz unaufgeregt – im historischem Resümee –, wie sich alle Sprachen kontinuierlich geändert haben, seit alters her. Dies sei der Sprachen Metier, und sie mutmaßen im Schluß von Vergangenem über Gegenwärtiges auf Prinzipielles, daß sie das auch weiterhin tun werden, gleichgültig, wie manche Dilettanten hilflos und ein wenig lächerlich dagegen anzustänkern versuchen, aber natürlich vergeblich.

Sie stellen immer wieder durch Untersuchungen an einzelnen Wortexemplaren akribisch & wertfrei fest, wie sich – etwa bei »geil« oder »Weib« – sowohl der Sinn als auch ihr Gebrauch im Laufe der Zeiten gewandelt haben. Desgleichen verkünden sie von oben herab, daß es geradeso in Zukunft bleiben müsse, so bleiben möge, auch weil sie es immer schon voraus gesagt haben: und gegen den Strom der Notwendigkeiten würden selbst Götter, falls es sie gäbe, vergeblich ankämpfen. Alle aber, die sich gegen den Sprachverfall, weil die »Wörter in ihrer Bedeutung ständig gestört« werden, wehren und ihn mißmutig begleiten, sind im Urteil der Sprachwissenschaftler irregeleitete Laien, Illusionisten, die den Lauft der Zeiten nicht zu begreifen willens und in der Lage sind, gar mediokre Wissenschaftler, die ihre Lektionen nicht gelernt haben.

Sprachwissenschaftler fühlen sich mit »Sprachverfall« auf dem falschen Fuß erwischt – sie haben vermutlich aber auch bloß einen, nämlich den anderen – und ignorieren ganz, wie sich zu vielen Zeiten immer wieder einzelne Denker, und sie gehörten oft zu den besten, gegen den Verfall und gegen das Abschleifen konziser Formen durch ungebildete, dämliche Sprachstümper gestemmt haben.

Also wird die Entwicklung der Sprache sowohl durch jene mit abgehobener Manier beobachtet im historischen Überblick, ohne Skrupel und Eifer, als auch von anderen schmerzlich empfunden, wenn sie feststellen müssen, wie man die feinsten Sprachkonstruktionen abschleift, veruntreut und mißachtet, weil sie von allen pragmatischen Verwendern, um nicht zu sagen Verbrauchern, der Sprache auch gar nicht begriffen werden. Denen geht die feine Ästhetik für Eleganz, Nuancen und Bedeutungstiefe so gänzlich ab. (Hier nun in diesem Stückchen Text folgen zunächst nur ganz wenige Beispiele der allereinfachsten Art.)

Der Wortschatz auch der scheinbar Gebildeten ist immer mehr beschränkt, und sie schämen sich nicht darob; heute beispielsweise finden alle möglichen Leute alles immer nur gerade »spannend«. Ein weiterer Urteilsbegriff kommt, etwa im Rundfunk, so gut wie gar nicht mehr vor, und hat das »interessant« abgelöst, von dem sich seit Schulzeiten herumgesprochen hat, daß es ein Behelfswort ist, möglichst nicht zu verwenden, wenn man sich nicht die Blöße der Wortschatzarmut geben will. »Spannend« hat es ersetzt und erscheint denen Urteilsfällern noch nicht abgegriffen genug zu sein, sie verwenden es mit Gewinn für alles und beschränken in dieser Prägung den Wortschatz auf das Notwendigste.

Daß ihnen immer nur die Vokabel »spannend« einfällt, wenn sie knorke meinen, zeugt schon von dürftiger Befähigung, aber weil ihnen allen, den Tanzlehrern, Literaturkritikern oder Soziokulturellen, diese Tatsache nicht einmal auffällt – sie entschuldigen sich auch nicht deswegen –, darf man sie der geistmäßigen Armut bezichtigen. Wer heutzutage Rundfunk-Interviews und -Kommentare, etwa in HR II oder SWR II, hört, muß feststellen, wie fast alle Personen zunächst nach Worten suchen, und dann fällt ihnen beinahe zwangsläufig, oft eingeleitet durch ausgiebiges »ääh«, kein anderes ein als »spannend«. Ebenso können alle, die etwas verfassen, entwerfen, konzipieren, aufbauen, programmieren usw. nur noch immer alles lediglich »erstellen«, weil ihnen kein weiteres Wort in den Sinn kommt; es gerät denen bloß mitten in ihren Unsinn hinein. Oder was ist diesen Einfaltspinseln nicht alles in »Beinhaltung« begriffen, weil sie über »enthalten« oder andere Wörter erkennbar nicht verfügen. Die Sprachmode unterliegt offensichtlich auch einer geistigen Entropie, dem Trend zu immer geringerer Unterscheidungsfähigkeit, zu Vereinfachung und Angleichung an einen simplen Sprachendzustand. In der Physik ist wachsende Entropie ein irreversibler Prozeß bis hin zur Einheitstemperatur allüberall. – Dennoch aber sei mit der hier nur angedeuteten Erscheinung kein Sprachverfall gegeben, meinen die Linguisten, sondern nur natürliche Entwicklung bezeichnet.

In der sogenannten Wissenschaftssprache befleißigen sich die meisten Autoren penetranter Substantivierung, etwa mit der Untersuchung von Möglichkeiten zur Unterstützung der Erstellung von spezifischen Modellen. (Zitat ist nicht erfunden!) Damit erreichen ihre Aussagen, ohne daß die Begriffe und Behauptungen »wahrer« werden, eine gesteigerte Autorität gegenüber solchen Sätzen, die bloß mit vielen angreifbaren Verben gebildet sind. Sie begehen einen unterschwelligen Betrug an den Lesern, sie plustern sich auf und verschanzen sich hinter Begriffen für Vorgänge, die, wenn sie geschähen oder abliefen oder vorgingen, weniger unumstößlich erschienen. Diesen Schwindel zu fühlen ist erstrebenswert, auch wenn man sich dann häufiger ärgert als die gängigen Linguisten.

Sprachpfleger sind notwendigerweise konservativ, denn sie wollen das überkommene Gute erhalten und sich dagegen stemmen, daß Flüchtigkeit, Unverstand und Modedummheiten auf Kosten diffiziler Formen regieren. Triebkräfte solcher Tendenzen sind Bequemlichkeit und Unterscheidungs-Unfähigkeit, welch letztere durchaus einen Intelligenzmangel darstellt. Mit sprachlichem Einheitsbrei genügen die Garköche der Sprachverhunzung (Stichwort »Verhuntzdeutschen«, GCL) allen gesellschaftlichen Anforderungen, er reicht als Sättigungsmittel für die Inkompetenzträger in der Wirtschaft – das inzwischen häufig ziemlich ungebildete Management – auf jeden Fall aus. Dieses scheint heutzutage die Norm zu setzen.

Man beklagt allgemein, daß »die Jugend«, insbesondere, aber längst nicht nur, Kinder aus sozial schwachen Schichten, sich heute kaum noch »im ganzen Satz« ausdrücken können, sie raunen eher und stoßen Satzbrocken aus um verstanden zu werden, was ihnen manchmal allerdings nicht gelingt. Sprachliche Inkompetenz bei Jugendlichen ist eine gesellschaftliche Drohung für die Zukunft, sprachliches Vermögen stellt auch den Ausdruck erhöhter Intelligenz dar, welche ja nicht nur angeboren ist, sondern auch ausgebildet werden kann. Wer sich nicht richtig zu artikulieren vermag, wer das, was er zu denken scheint, nicht angemessen wiedergibt, denkt auch nur vage, kraus und quer. Wenn früher ein angepaßter Schüler stammelte oder richtig stotterte, nahm manchmal ein wohlwollender Lehrer an, der Schüler wisse »es« wohl, er könne es nur nicht richtig sagen, und gab ihm eine 3+. Das war immer schon falsch. Wer nicht formulieren und einen Sachverhalt einem anderen – auch nach längerer Vorbereitung – nicht erklären kann, hat ihn nicht verstanden. Die »Kultur« des Nichtverstehens aber wird begünstigt, wenn die Menschen keinen angemessenen Wortschatz haben, Unterschiede harmonisieren und Differenzierungen nicht bemerken. Diesen entsetzlich spannenden gesellschaftlichen Prozeß aber betrachten die Linguisten nicht auch als Ausdruck des Sprachverfalls, sondern jener sei ganz unabhängig von diesem, den es im übrigen gar nicht gäbe.

Zu allen Zeiten haben aufklärerische Philosophen den jeweiligen Niedergang der sprachlichen Kompetenz beklagt und bekämpft. Hier sei das Dreigestirn Lichtenberg, Schopenhauer, Nietzsche genannt, da sich die jeweils späteren auf die früheren berufen haben: N Ë S, L und S Ë L. Keinesfalls hatten diese zu ihrer Zeit etwa Unrecht, nur erscheinen uns manche ihrer Urteile nicht mehr zeitgemäß, wir verstehen nun nicht mehr so recht, warum sich diese so aufgeregt haben. Als so schlimm erscheint uns vieles nicht. Andererseits können wir noch immer mit Vergnügen manche Polemik auffassen und freuen uns, wie engagiert diese ihre sprachlichen Belange verteidigt haben. Allerdings ohne großen Erfolg. Vielmehr haben sich die ursprünglich falschen, holperigen, kanzleigeprägten, dümmlichen oder simplen Formulierungen »eingebürgert« – diesem Wort muß man ein wenig verächtlich nachsinnen! – und wurden mit der Zeit zum Sprachgebrauch, so daß nachfolgende Sprachkritiker gar nicht mehr bemerkt haben, wie dümmlich, holperig oder falsch der jeweilige Ausdruck ursprünglich gewirkt hat.

Diese Erscheinung, so glauben die Linguisten, ermächtige sie zu ihrem Votum, daß Sprachverfall nicht stattfinde, nämlich weil sich eine nachfolgende Generation an den veränderten, versimpelten und mißverständlichen Gebrauch gewöhnen werde. Irgendwann stand »beinhalten« im Duden, oder »erstellen«, anfangs (1959)* noch mit den Kommentierungen »unschönes Modewort« und »Kanzleisprache«. Heute sind sie anerkannt.

Wie also wird denn der Sprachwandel überhaupt ausgelöst? Die Antwort gab am 8. März 2005 in einem Vortrag in Darmstadt der Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsche Sprache, Professor Rudolf Hoberg, spontan als Replik während einer Diskussion: Aller Wandel käme überhaupt nur dadurch zustande, daß Menschen ihre Sprache nur unzureichend beherrschten und Fehler gegenüber der momentanen Sprachnorm begingen, welche sich deshalb einschleichen, von anderen aus Bequemlichkeit und Unkenntnis übernommen werden und damit einen Sprachwandel begründen.

Also kann man folgern: Der jeweilige Sprachverfall ist abgeschlossen und zum Sprachwandel mutiert, wenn sein Ergebnis kommentarlos im Duden steht. Aber bis dahin findet er statt und sollte bekämpft werden, auch über sein Ende hinaus.

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)*PS: 30 Jahre später stand bei »beinhalten« als Beispiel der schöne Satz dieses Schreiben beinhaltet eine Drohung und bei »erstellen« stand immer noch (Papierdt.).

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Fachsimpel                        

Als ich einstmals aus einem deutschen IBM-Handbuch »Die Makro-Einrichtung« lernte (ja, so heißt das wirklich), mußte ich einsehen, daß der terminologische Fortschritt innerhalb der Informatik mich überholt hatte.

Ich mußte lesen, daß jemand an diversen Stellen in ein Makro reintreten kann, denn ein solches kann (bekanntlich!) mehrere Eingänge haben: den Namenseingang und den Operationseingang, den Operandeneingang und den Unterlisteneingang, welche Gott segnen möge. Auch die Kollegen redeten von diesen Eingängen, nur ich konnte mich nicht entschließen, über die Schwelle zu treten, und zergrübelte mir den Kopf nach solchen Aspekten für »Eingang«, die mir dieses Wort in irgendeiner Art sinnvoll erscheinen lassen sollten.

Ich ergrübelte es aber nicht, und es ward mir unbehaglich wegen dieser Öffnungen in den Makros. Bis mir's dämmerte: Der Haderlump von einem Übersetzer hatte nicht gewußt, was »entry« heißt, hatte ins Wörterbuch geschaut und dort gefunden: »Eingang, Eintrag . . .« und hatte sich für das erst beste entschieden. Und seit der Zeit haben alle Makros Löcher anstatt Einträge.

Einige Zeit später nun habe ich einmal keine Abhandlung über »Paging« oder Virtuelle Speicher gelesen, und trotzdem mußte ich vermuten, daß mir jemand beim Lesen heimlich eine solche untergeschoben hatte.

Ich las nämlich … und da hat's in meinem Hirn in- und outgepeehtscht, die Gedanken begannen sich zu konkettenehten, mir wurde ganz abgedehtet zumute, und ich muhfte meinen Blick zurück auf den … »Seiteneffekt«.

Da erinnerte ich mich, daß ich diesem neudeutschen Begriff schon mehrmals in Vorträgen und Zeitschriftenartikeln mit Befremden begegnet war; es könnte sich da um einen in der Theorie der Informatik neuen wichtigen Terminus handeln, und ich war mal wieder nicht auf dem laufenden. Ärgerlich.

Und nun mußte ich feststellen, daß in allen möglichen Lesestücken, in Büchern und Zeitschriften der Seiteneffekt eine ganz bedeutende Rolle spielt. Aufs neue überkam mich ein Unbehagen, weil ich wieder nicht erfassen konnte, inwieweit der Seiteneffekt ein Standardbegriff sei und irgend etwas mehr und genauer aussagt als das, was ich aus den Texten herauslesen konnte, die simple Nebenwirkung.

Alsbald aber dämmerte es mir abermals: Irgendein nichtswürdiger Übersetzer hatte genau gewußt, was »side effect« heißt, und er hatte deshalb gerade nicht ins Wörterbuch geschaut , … und seit der Zeit schreibt jeder Fachsimpel »Seiteneffekt« – das klingt hochgestochen und fachmännisch und hat doch wie so vieles, was so klingt, seinen Ursprung in einer geistigen Mangelerscheinung.

Damit nicht genug. Jahre später, als die Netzwerke aufkamen, gab es für diese »Protokolle« (TCP/IP ist ein solches). Ich aber versuchte zu ergründen, worin das Protokollarische solcher Schnittstellen läge. Wieso »Protokoll«? Muß da einer eins schreiben, seinen Senf zu demselben geben, oder sich nach genau festgelegten Regeln diplomatisch gut benehmen? Nein. Und wieder dämmerte es mir, bin ja schon ein alter Hase in dem Metier, daß wieder wer wortwörtlichst und ohne nachzudenken übersetzt hatte: Mit »Zeremonie« wäre das anschaulich eingedeutscht gewesen, denn eine solche findet zwischen jeweiligen Sendern und Empfängern statt.

Da wird nicht einfach ein Stück Nachricht weggesendet, sondern bis das geschieht, verständigen sich die beiden hin und her auf vielfältige Weise: bin bereit … ich nicht … jetzt? … nee … jetzt? … nee .… jetzt? … ja … ich fange jetzt zu senden an … tu's … das isse [ nachricht ] fertig … hab' nix mitgekriegt … bereit für zweiten Versuch? … ja … (undsoweiter). Das ist eine umständliche Zeremonie nach genau definierten Regeln. Aber im Englischen wirkt das Wort »ceremony« dafür zu feierlich, man hat auch »protocoll«, und das ist dann ins Deutsche, aber mit »k« übernommen worden. Halb verstanden und als Terminus technicus inzwischen völlig eingemeindet. Protokoll hat damit eine dritte Bedeutung erhalten – 1989 gab's diesen Sprachwandel noch nicht – durchs pure Übernehmen zunächst ohne rechten Sinn.

Man hörte dagegen gleich den wichtigtuerischen Unterton der Informatik-Fachsimpel und schaut in die selbstzufriedenen Gesichter derer, die jedes irrige Modewort sogleich zum Aufbau der eigenen Mitredefertigkeit aufgreifen, getreu der Schopenhauerschen Bemerkung: »Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge, aber sie machen es umgekehrt.« - Dieser schöne Satz ist übrigens »quotiert«. Wären Sie Fachsimpel, müßten Sie das verstehen, er steht in Gänsefüßchen (engl.: quotes)! Capitano? (ital.: gell?).

 

Zur Sprache der Sportreporter                       

Vor vielen Jahren ist mir, als ich damals in einer bekannten Tageszeitung noch regelmäßig die Sportberichterstattung las, eine Sportreportermanie aufgefallen, die alsbald auch in anderen Blättern zu entdecken war und bis heute zu entdecken ist. Die haben offensichtlich alle voneinander abgeguckt, so nach dem bekannten wöchentlichen Unterhosenwechselwitz, Müller wechselt mit Schulze, Schulze mit Meier und dieser wiederum mit Müller – die Unterhosen. So auch tauschen die Sportreporter offensichtlich jene Sprachfigur, die mich so außerordentlich belustigt und – trotz meiner außergewöhnlichen Toleranz – auch etwas befremdet hat, untereinander aus.

Es ist klar, wenn ein Reporter irgendwelche Sportler interviewt oder auch bloß was gefragt oder diese ungefragt etwas gesagt hatten, mußten die einschlägigen Erkenntnisse, Einschätzungen und trefflichen Aussagen wiedergegeben werden – so etwa, als der Szymaniak (Wuppertaler SV, Weltklasse rechter oder linker Läufer) gefragt wurde, wie er die Chancen für das nächste Spiel einschätze, dieser antwortete: »Wenn et löpt, dann löpt‘et, und wenn et nich löpt, dann löpt‘et nich‘«. Das läßt sich entweder in direkter Rede ausdrücken oder in indirekter. Auf jeden Fall aber gehört dazu, daß man solche Redesätze einkleidet mit einem Verb, also etwa »sagte Müller«, »antwortete Schulze« oder »sprach Meier«.

Das aber schien den Sportreportern, die sowieso in den Redaktionen ein etwas ausgefranstes Ansehen genießen, nicht bedeutend genug, nicht so ausdrucksstark, wie es hätte sein sollen, und sie erinnerten sich vielleicht auch, daß ihr früherer Deutschlehrer bei den Besinnungsaufsätzen immer wieder ein »W« für »Wiederholung« an ihren Heftrand geschrieben hatte. Das haben sie sich gemerkt, und nun erschien selbst ihnen das ständige »sagte – sagte – sagte« auch ausdrucksmäßig ein wenig dünn. »Ausdrucksmäßig« hätten sie übrigens auch schreiben können. Sie sannen allesamt auf Abhilfe, und die gelang ihnen prächtig.

Mein erstes Beispiel jedoch stammt nicht von Reportern, sondern steht in einer Parodie von Robert Neumann in der Sammlung »Mit fremden Federn« aus dem Jahr 1927. Da heißt es in der »Assessorsbraut« nach E. Marlitt: »"Wirst Du wohl still sein, Wuschelkopf?" trocknete er sich den Schweiß von der Stirn.« – Robert Neumann hat parodiert, also hat er diese Sprachfigur schon im Übermaß bei irgendwelchen Trivialschriftstellerinnen gefunden und aufgegriffen. (Hedwig Courths-Mahler, Nataly von Eschstruth, Eugenie Marlitt hat er nachgeahmt.) Ausgerechnet daher beziehen Reporter ihre Schreibemaßstäbe. Es kommt nun noch schöner:

»"Zur Not werde ich am Sonntag auch mit einer Spritze antreten", beißt Dohmen die Zähne zusammen.« – beim Sprechen offensichtlich. Oder – da müssen Sie jetzt genau lesen, sonst geht Ihnen der Un-Sinn verloren: »"Und dabei habe ich mich schon so gefreut, gegen Köln Libero spielen zu dürfen", mußte ihn gestern der Trainer trösten.« Hier betätigt sich schon nicht mehr der Sprecher selbst, sondern sein Gegenüber als solcher. Das kann kein Parodist erfinden. Robert Neumann hätte für einen solchen Satz viel gegeben, zumindest einen aus – demjenigen, der ihn entdeckt hat, also mir. Dafür war es leider zu spät.

Dieser Schreibstil auf Stelzen ist unausrottbar. Ich finde solche Sätze, sprachmäßig, immer mal wieder in allen möglichen Zeitungen. Leider aber habe ich mir die hiesige Quelle selbst verschüttet. Als ich damals genügend Zitate gesammelt hatte, schrieb ich einen spöttischen Leserbrief an die bekannte Tageszeitung. Er wurde zwar nicht gedruckt, sondern mir vom damaligen Chefredakteur mit dem Ausdruck vorzüglichster Verständnislosigkeit zurückgeschickt, aber er muß dennoch intern Wirkung erzielt haben, denn die angeprangerte Sprachfigur blieb langsam weg, man hatte sich besonnen. Das war mir eine Lehre. Bis dahin hatte ich Entdeckerfreuden und war gespannt auf jeden Sportbericht; danach erscheinen sie mir nur mehr banal und langweilig, so daß ich lesermäßig schließlich resignierte. Nun aber hat es wieder angefangen …

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Sprachschnitzer versus Schreibschnitzer         

Höchst absonderlich ist das Engagement der deutschen Deutschlehrer und Sprachschützer, wie sie beinahe glühend die Rechtschreibung verteidigen, die alte sowie die neue, gleich welche, und sie verwechseln Schreibweisen mit Schreibweisen. Ihr Interesse gilt allein der Orthographie oder Ortografi oder wie auch immer, und sie machen deutlich, daß wenn einer nur regelrecht schreibt, orthografisch, er schon richtig schriebe. Korrekt buchstabiert, behaupten sie rasch, sei die Hauptsache und Grundlage des Verstehens!

Nicht zur Debatte aber stehen für die Schutzeiligen der deutschen Schriftsprache die Ausdrucksweisen. Da sind sie überfordert, und bei ihnen kann ein Satz in beliebiger Weise sein Bein halten, verquer und abscheulich, wenn seine Bestandteile nur syntaktisch mustergültig daherkommen. Sie kümmern sich ausschließlich um Recht-Schreibung, korrektes Buchstabensetzen ist ihnen Lebensbedürfnis, wie vielleicht die Einnormung von Lebensregungen. Solche Einnormung aber erscheint mir wie das Hüten einer öffentlichen Ordnung, obrigkeitlich und zentral gelenkt, auf daß da nicht jeder Hergelaufene kommen möge und schreibe wie ihm wölle, vielmehr alles die seine habe, Ordnung versteht sich, in Reih' und Glied der Pflicht gerecht. Als ob es darauf ankäme!

Der Blick gerade nur fürs Unwesentliche ist ihnen Glaubensbedürfnis, hier finden sie Nahrung für ihre unersättliche Ordnungsgier, alles »DINrichtig & DUDENgerecht« zu machen, sich einwandfrei zu verhalten und niemandem zu gestatten, außerhalb ihrer eigenen Vorschriften unbotmäßig zu lümmeln. Als Argument führen sie an, daß durch unterschiedliche Schreibweisen mancher Wörter (weniger als 1‰ sind betroffen) das allgemeine kommunikative Verständnis untergraben, unsere Jugend verunsichert, jeweils Schulbuchverlage zu Investitionen gezwungen und Normen außer Kraft gesetzt werden, was zum eigentlichen Verfall der Sprache führe. Ich glaube ihnen nicht, sondern vermute einen pathologischen Drang. Wie sagten wir früher? – Zu früh an Sauberkeit gewöhnt worden, anale Phase nicht ausgelebt, Neurosen zugezogen und diese überkompensiert. Na bitte. Das ist die Erklärung. Nur auf solcherlei Weise ist der übermäßige Lärm zu deuten, den die »Sprachschützer« um fast nichts veranstalten, und wie gesagt, um »Sprache« geht es ihnen auch gar nicht.

Also weder um Schönheit und Trefflichkeit des Ausdrucks noch um Eleganz und Klarheit ist ihnen zu tun, nur um fehlerfreie »Orthogra{ph/f}ie«. Sie ereifern sich, wenn einer ein Wort falsch schreibt, aber keinesfalls, wenn einer die Wörter in ihrer Bedeutung stört, wie es schon Lichtenberg aufgefallen ist. Auf den Nebenplätzen der Sprachrichtigkeit tummeln sie sich; je kleiner die Wurst ist, desto mehr Leute geben eben ihren Senf dazu, und da können sie alle ihre beschränkte Kompetenz ausleben, da sind sie an der Front und verstehen es, eisern und aufrecht sich zu betätigen.

Bevor die Rechtschreibreform in Kraft getreten ist, hat sich der damalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Herbert Heckmann, um sie nicht kümmern wollen. Sie war ihm wohl ziemlich Wurscht. Wie einer formuliert, hat ihn beschäftigt, wie fein eine schreibt, war ihm Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, aber »fein« auch nicht im Sinne von Kalligraphie oder Vornehmheit, sondern wie erfrischend neu und genau eine Person sich ausdrückt. Als sie bereits beschlossen war, kam der Prof. Meier als sein Nachfolger und hielt Brandreden gegen die Rechtschreibreform, so als ob sie Unheil anrichte, unwiederbringlich Heil vernichte oder Sprache & Dichtung mbH in den Konkurs treibe. Er hat allerdings auch die Walsersche Paulskirchenrede standhaft verteidigt; des Geistes Kind ist er. (‘ weiß schon, gehört nicht hierher.)

Wenn nun gar der Herr Döpfner vom Deutschen Verdummungs- und Verleumdungsblatt (DVVB) sich anheischig macht, die alte Rechtschreibe zu retten, weil er selbstredend seine eigene Einrichtung mit Werfe in die Schlagzeilen bringen will und keine Gelegenheit, mag sie auch noch so anrüchig sein, versäumt, dann hat er den Sturm im Wasserglas zum Taifun angeblasen. Jetzt redet alles mit, jetzt ist‘s endgültig zum Politikum geworden, was eigentlich so nebensächlich gewesen war. Herr Döpfner lacht sich ins Fäustchen, und der Herr Aust entblödet sich nicht mitzupusten. Und jetzt kann nur noch der Kanzler helfen, nun ist die Rechtschreibreform zur Nationalen Frage aufgebläht, die von wichtigen Problemen ablenkt und dat Volk beschäftigt und am mitreden hält. Jetzt tun sie alle Bescheid geben und is' wat zum Klönen da. Mir aber nimmt deren Offensive den Vorbehalt weg, ich werde der Neuen Rechtschreibung gegenüber nun aufgeschlossener sein, denn womit die Axel-Springer-Verlagsprodukte ihr Geld verdienen, indem sie so tun, als ließen sie bloß Volkesstimme ertönen, kann nicht ganz hasenrein sein.

Und noch eins gegen die angeblich unumstößliche Korrektheit der Buchstabenfolgen: Der Briefwexel des Joseph Filser wäre ohne seine »Ortokrafi« viel langweiliger, man hat sie auch als Nichtbayer verstanden und sich darob diebisch belustigt. Denn Langeweile ist bei allen Kommunikationsformen die kardinalste Sünde, nicht aber die Dissonanz oder eine eigenwillige Schreibweise oder ein Klecks am rechten Fleck. Also kann manchmal eine »andere Schreibart« auch erquicklich und sollte uns nur mäßig wichtig sein, denn Schreibschnitzer sind keine Sprachschnitzer.

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Schwelgen in Substantivierung                      

Muster: Jedes Erstellen einer Hinterfragung – die Afterfrage – bezüglich eines beliebigen Paradigmenwechsels beinhaltet sozusagen eine Fokussierung aufs personifizierte Seelenbaumelnlassen, ist ebenso ein Amalgamieren von Subjektivität und Subjekt, und stellt diesbezüglich in modellhafter Normativität das Resultat in Form des zustandegekommenen Amalgats dar, ist also gewissermaßen auch die Balsamierung einer autokommunikativen Interaktion im Eigentlichen. Oder?

Wenn ich mir ein Verb, so eins wie »baumelnlassen«, substantiviere, also mit ihm eine Substantivierung vornehme, begleitet diese sprachliche Transformation eine verdrußträchtige (pardon:) Umsinnung, denn mit jeder Substantivierung verschiebt sich weniger die Wortbedeutung als vielmehr die Tragweite der Aussage hin zum Imposanten und wird gleichermaßen allgemeingültig: zu sein gilt wenig, »das Sein« ist alles.

Eine konsequent substantivierte Äußerung wird weniger angreifbar als eine mit Verben, gewinnt den »Charakter des Unumstößlichen«, bringt Autorität mit und entwickelt sich zur beinahe wissenschaftlich fundierten These & Tatsache. Fast alle oder gar doch lieber »alle« (?) wissenschaftlichen Hypothesen vermeiden deshalb die Verben zugunsten der Substantive und des abstrakten Begriffs als solchen. Damit gewinnen Mutmaßungen das Gepränge von geprüften Lehren, entwickeln sich bloße Behauptungen zu Standpunkten und jede Meinung zur Doktrin. Das wirkt ein wenig infam, und man fühlt sich ein bißchen getäuscht. Aber darin liegt der Grund, warum bestimmte Autoren die Substantivierung – »die« Substantivierung, nicht bloß »Substantivierungen« – bevorzugen, sich anpassen an schlechte, aber bedeutende Vorbilder und ihre Thesen so geschwollen daherkommen.

Ein echtes Beispiel: In welcher Art können Inhalte, seien sie nun logisch-axiomatischer oder außerlogischer Natur, derart in die formale Logizität eingreifen, daß bei Aufrechterhaltung der formalen Invarianz die Veränderlichkeit des Denkstils eintritt? – aus Hermann Broch »Schlafwandler«. – Da hat es einer vor- oder nachgemacht, gerade auch deswegen, um seine eigene philosophische Wertschätzung zu steigern, auf daß er sich selbst als hinreichend bedeutend achten könne.

In den philosophischen Zwischenkapiteln führt Broch es penetrant vor, und (nebenbei:) deshalb hatte Karlheinz Deschner eher Unrecht, als er damals 1957 Hermann Broch in »Kitsch, Konvention und Kunst« neben Musil und Jahnn einreihte. Die Stelle, die er aus »Pasenow« zitiert, ist eine der wenigen, die solches rechtfertigen, und vermutlich hatte Deschner die beiden folgenden Bände der Trilogie noch gar nicht gelesen. Broch nahm da die Pose des Großdenkers ein, die »Logizitäten« wimmeln durch die Kapitel, und seine auch religiösen Apodicta bestimmen, wie zu denken sei. Da gäbe es viele weitere böse Beispiele.

Daraus folgt meine Definition der entbehrlichen Substantivierung: »Der Drang zur Substantivierung entsteht aus dem Wunsch nach Instantiierung in Folge subjektiven Emotionalisierens von Tatsachen und Erscheinungen im Anschluß an Wahrnehmungen zwecks Aufbaus geltendmachender Objektivität zur Unangreifbarwerdung.« Anders ausgedrückt: Weil alles, was sie »subjektiv« empfinden, ihnen nicht genügt, um bei sich und anderen etwas zu gelten, und weil sie, was sie selbst erkennen, als eher belanglos einschätzen, hoffen sie, objektiver und bedeutender zu wirken, wenn sie, was ihnen so einfällt, substantivieren. (Auch ein etwas zu langer Satz.)

Die »übermäßige Abstraktion« (ü.A.) – dies ist mein dafür maßgeblicher Terminus – kann leicht zur Sucht werden, was sich bei fast allen, oder doch lieber »allen«(?), Großdenkern leicht beweisen läßt. Der leichte Schluß von n auf n+(unendlich), also der universelle, allgemeinbildende Ausdruck, wenn einer sich nach drei erkannten gleichförmigen Fakten entschloß, auf ein allgemeingültiges Prinzip hin zu schließen – bedenkenlos – ergab sich bei fast allen vergangenen Großen Philosophen wie von selbst. Sie sind dieser Sucht erlegen, indem sie, was sie sich »vorstellten«, zu Vorstellungen und Prinzipien erhoben haben: oft vom Umstands- oder Tätigkeitswort hin zum Hauptwort geadelt. Die Nachwelt spricht dann respektvoll vom »Begriff der "Logizität" bei Hermann Broch«; »bei« besagt, daß er zwar nicht astrein, aber historisch, also kulturhistorisch zu ehren sei. Man ehrt da leicht den größten Blödsinn.

Die Manier, wie einer zu einem »Begriff« kommt, offenbart sich selbst: Wenn jemand etwas zu erzählen hat, was ihm begegnet ist, von dem er vermutet, daß dreimal ausreicht, um daraus einen Terminus zu generalisieren, benutzt er dazu die Substantivierung. Das geht inzwischen, weil es alle, oder besser »fast alle«, ausgiebig gelernt haben, wie's wissenschaftliche Brezelbacken; man verlangt geradezu nach einem solchen Substantivier-Stil; ohne ihn wirkte eine akademische Arbeit wie Kinderkram.

Deswegen schwelgen die – wirklich nur scheinbaren – Großdenker, also die vielen Scharlatane im Kulturfunk und mit Lehrbefugnis, in diesem »Zustand« der Substantivierungsmanie. Sie beanspruchen, Gültiges aus sich heraus darzulegen, weil sie sich getrauen, es hemmungslos objektiviert auszudrücken: Sie möchten schließlich als Autorität gelten. Der Schwelg des Philosophen tut uns seinen Denkduktus kund, beleuchtet seine Seinsweise jenseits des Zweifelns, und sie formulieren nach Art der Aufschneider, …

… obwohl vielleicht alle apodiktischen Behauptungen »bei …« schon im Ansatz eher verfehlt sind und viel zu großspurig daher kommen, um wahr zu sein. Damit es nicht gleich als offensichtlich unwahr erkannt wird, schaffen sie sich zusammengesetzte Begriffsungetüme – wie etwa den »gruppenpsychologischen Erklärungsansatz« (zitiert nach Hartmut v. Hentig s.u. ebenda) – und bleiben so allgemein, daß man sie speziell kaum widerlegen kann. Jegliche (Selbst-) Ironie wird verbannt. Aber sie beseitigen damit auch das Gespinst mancher mitschwingender Bedeutungen zugunsten einer bloß hammerharten Einrichtung. Diese lassen sie operieren, alles Subjektive wird mit jähem Schnitt entfernt, und das Wort(!) – am Anfang schon war's und tat es das bei Gott – handelt nun selbständig.

Ein abstraktes Hauptwort wirkt manchmal schon deshalb verbindlich, nur weil es eingesetzt wird, also dadurch, daß es da steht! Gar eines Autors fertiger Begriff (»bei …«) drängt sich demnach schon im bloßen Ansatz auf, weil man ihn nicht bestreiten kann. Er verkörpert eine Tatsachenbehauptung und stellt von sich aus verpflichtende Autorität dar. Sie prahlt mit einem normativen Substantiv (gleich Subjekt) so enorm, daß es mich verblüfft oder gar anwidert; dem ist so schwer zu widersprechen. Ein Verb könnte das nie!

Das verweist auch auf »Sprachverfall«, aber auf einen, der seit Jahrhunderten anhält und mit stetem »Denkverfall« einträchtig einhergeht. Somit entstand also eher immanente Sprach- und Denkverhunzung. In all den Zeiten hat sich da wenig gewandelt, nur die Manieren und Ausdrucksweisen vielleicht, aber Sucht & Drang (mbH) blieben, durch tätige Substantive – »das Sein« etwa (jaja, auch!) – unverbrüchliche Überbegriffe der Allgewaltigen Art zu schaffen. Mit ihnen kann, wer geübt ist, operieren und denen imponieren, die Skrupel und Zweifel hätten, wenn sie selbst sich so universell über alles äußern müßten.

Noch ein knappes Beispiel, ein triviales, aber »ü.A.«: Schreiben heißt dann, daß es Derivat einer Formalisierung bleibt, die selbst keinem Erkenntnisprozeß unterliegt, der einer spezifischen Prosa bedürfe. – Hajo Riese in »Schreiben unter der Autorität der Wissenschaft« aus »Lust und Last des wissenschaftlichen Schreibens« bei Suhrkamp. Was »heißt« also »das« Schreiben … usw. … ? Es heißt vermutlich eine … ja, was heißt es denn?! – Heißen tut es gar nichts, nur wird eine spezifische Blödigkeit im Ausdruck vorgeführt, denn der Satz mutet vorwiegend hochtrabend an, aber dies getrauen sich die meisten Leser/innen nicht zu bemerken.

Das Motiv der Schreiber, die auf solche Weise anhaltend elendes Deutsch verfassen, muß, da die Unverbrüchlichkeit für ihre Werkeleien damit gedeiht, an der besonderen Bedeutung liegen, die ihnen von dem wissenschaftlichen Anspruch erfüllt wird. Das ist höhere Apodiktik. Sie selbst fühlen sich vermutlich unterwertig, und ihnen hilft die große Schreibgeste mittels festgezurrter Substantive dabei, dieses Defizit auszugleichen. Man darf sie also alle beschuldigen, a) ihre Unterwertigkeit zu kompensieren und b) Nuancen zu mißachten, um ihre Diktion eindrucksvoll zu machen.

Manchmal schreiben so Versierte derartig verworren in ihrem Drang, mit unangreifbaren Begriffen zu jonglieren und unsereinem zu imponieren, daß kein Leser und keine Leserin sie versteht. Das hat für sie den zusätzlichen Vorteil, daß diese dem Autor auch nicht nachweisen können, daß er selbst es nicht recht verstanden hat. Die Urheber des Schwulsts aus gelehrtem Antrieb sind dennoch als Knechte der Wissenschaftlichkeit leicht zu erkennen selbst dann, wenn sie nur einen geschäftlichen Brief schreiben; vielleicht schreiben sie sogar auch so in privaten.

Zusammengefaßt: Wenn Substantivierungen dominieren …; ach nein, anders: Die Beherrschung des Impetuosen durch Dominanz mittels Substantivierung gerät zur Verallgemeinerung im Absoluten.

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PS: Man kann den Mustersatz noch mehr substantivieren, beispielsweise so:

Mit jedem Erstellen einer Hinterfragung – der Afterfrage – bezüglich eines beliebigen Paradigmenwechsels ist sozusagen eine Fokussierung in Beinhaltung begriffen, wobei diese in Verbindung steht sowohl mit strukturellem Personifizieren eines Seelenbaumelnlassens, als auch einer Amalgamierung von Subjektivität und Subjekt bei diesbezüglicher Darstellung in modellhafter Normativität, sie hat also nach ihrem Zustandekommenen als ein Resultat die Wirkung in Formung des Amalgats, und stellt somit gewissermaßen auch die Balsamierung einer autokommunikativen Interaktion im Eigentlichen dar.

(Das überzeugt doch; und wenn man den Satz noch verschachteln würde, …)

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Ääh                      

Von Heinrich von Kleist stammt »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«. Er rät seinem Freund Rühle von Lilienstern: »Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. …«

Er beschreibt anschließend, daß allein dadurch, daß einer nur ausspricht, was lange genug in ihm gegoren hat, also ein bis dato unklarer Sachverhalt, auf einmal einsichtig wird; man belehre sich selbst, indem man sich dazu nötigt, ihn einem anderen zu schildern: Weil der Sachverhalt gezwungen wird, sich mit Worten zu offenbaren und nun notgedrungen formuliert werden will, fügen sich erst die Gedanken in jene Ordnung, die ihnen im Kopf schon immanent geworden ist. Man lese diese kleine Schrift selbst und habe sein Vergnügen!

Kleist deutet nur an, was Voraussetzung ist für solche Übung: Eine Idee muß sich zuvor im Kopf getummelt, auch muß man solches geübt haben, das Frei-Sprechen. Selbst wenn es keine Versammlung von Zuhörern, sondern nur die Schwester ist, »welche hinter mir sitzt und arbeitet«, so hat einer vielleicht Hemmungen, »frei« zu sprechen. Die zwei Aspekte des Wortes sind ganz offenbar: »frei sprechen« haben die wenigsten geübt, sie müssen ablesen, was sie vorher mühsam in Papierdeutsch abgefaßt haben, obwohl ihnen der Sachverhalt bereits klar war; »frei zu sein«, einen alten Gedanken neu zu formulieren, setzt gehörige Zivilcourage voraus, ein Zutrauen zu sich selbst, daß die Formulierungen schon fließen werden. Manche guten Erfahrungen mit einem selbst sind dafür nötig, und wenn sie fehlen, fehlt auch die Freude am Risiko, nicht ins Schwafeln abzurutschen. Die altgediente Replik »Reden Sie nur so lange weiter, bis Ihnen einfällt, was Sie sagen wollen!« paßt auf die Situation, wenn einer das Risiko unterschätzt hat und schlecht vorbereitet ist.

Eine Kultur der freien Rede, der kurzen, knappen, trefflichen, die sich aufs Wesentliche beschränkt, übt hierzulande kaum irgendwer. Entweder redet jemand gar nicht, weil er oder sie sich scheut, einen einzigen Satz ohne rot zu werden, öffentlich anzubringen, oder der andere schwadroniert uferlos. Manchem fällt dann überhaupt nicht ein, was der Kern seiner Rede ist, weil der nämlich noch gar nicht im Kopf entstanden war, als der geübte Schwafler viel zu früh angesetzt hat, ihn auszusprechen. Ein berühmter Satz, der wahlweise von Goethe, Lichtenberg, Franklin, Swift u.a. stammt »Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich für einen kurzen keine Zeit habe.« beleuchtet die Situation: Nicht zuende Gedachtes beansprucht zu viele Wörter.

Dabei wird die Disziplin »Rhetorik« von den allermeisten Leuten, auch den gebildetsten (welches einer der anfälligsten Superlative ist, die ich kenne), vielmehr mißverstanden als die »Kunst« der Abschweifung ins Wohlgesetzte, mit dem Drang, am Wesentlichen vorbei zu schwätzen, Phrasen abzusondern und nur Worte zu machen, wo Gedanken nötig wären. Rhetorik genießt keinen guten Ruf. Aber auf dieses Mißverständnis will ich hier nicht eingehen. Mir geht es um die persönliche Übung, um der Kleistschen Aufforderung nachkommen zu können, und natürlich auch darum, daß eine Idee reif sein muß, bevor sie formuliert wird.

Jene Übung aber kann dann nur selten gelingen, wenn einem die Wörter fehlen. Das ist die dritte Voraussetzung. Konrad Adenauer mag eine Ausnahme gewesen sein; seinen beschränkten aktiven Wortschatz immerhin beherrschte er und vermochte es, »dat Wesentliche, meine Damen und Herren« an die Leute zu bringen. Sein Wortschatz war »sein eigener«, den gerade meisterte er, der war ihm auf den Geist geschnitten, und viele Anleihen bei der zeitbedingten Phraseologie hat er nicht gemacht.

Mir scheinen dagegen Personen, die heute öffentlich reden müssen, derartig an mancherlei gängigen Schablonen zu hängen, an eingeschränkten Wortschätzen und ausgeleierten Floskeln, daß selbst der Adenauer dagegen fast brillant formuliert hat. Der Sinn für gute ganze Sätze, für nicht vorgefertigte Satzteile, gefeilte Formulierungen, ironische Nebensätze und die Freude an gelungenen Sentenzen, wenn sie genau den Kern treffen, ist weitgehend nicht zu bemerken. Das gilt nicht etwa nur für Politiker, nein viel mehr für die allermeisten, die in den kulturellen Institutionen sich mit ihrem Senf bei viel zu kleiner Wurst einmischen. Da bemerkt man eine Wortschatzarmut, die sich nur kaschieren läßt durch gängige Phrasen und gerade aufgeschnappte Wortgefüge. (Über »spannend« schreibe ich hier lieber nichts.)

Außerdem haben sie keine Lust an der Sprache. »Wozu ist die Sprache da? – Gut zu formulieren!« Diese Einsicht ist weitgehend verhunzt, verschludert, versaut, nicht nur verdenglisht! Verantwortung für gutes Deutsch nehmen die wenigsten wahr; diese Verantwortung, im Gegensatz zu der, daß Eigentum (insbesondere an Produktionsmitteln) verpflichte, steht nicht einmal im Grundgesetz, wo sie auch hingehörte, und wird genauso wenig beachtet. In Frankreich ist das ein bißchen besser. Schönes, gutes Deutsch bedeutet für die allermeisten keinen Wert (mehr?). Sich vernünftig auszudrücken stellt für kaum jemanden eine Herausforderung dar. Deswegen ist’s den einen eben Wurscht, und andere mengen ihren Senf bei.

Und weil das so ist, weil nicht nur die Übung fehlt, sondern ganz deutlich die Freude an wohlgelungenen, eigenen Formulierungen, der Spaß an der Sprache und die ästhetische Einsicht, daß schematische Ausdrucksweisen vom Übel sind (»Wieso?« – erstaunter Zwischenruf aus dem Off), gelingt ihnen das einfach nicht: Sie kommen nicht dazu, einen eigenen Gedanken, der ihnen gerade klar geworden ist, frei zu äußern. Kleist gerät unversehens ins Unrecht. Stattdessen suchen sie nach Worten, also auch nach dem Gedanken, und diese Suche überbrücken sie auf eine für die Zuhörer quälende Weise. Jetzt komme ich endlich zum Thema.

Deshalb bin ich drauf & dran, eine die Kleistsche ergänzende Abhandlung zu erstellen (ich darf dies Wort mal im Spaß benutzen, denn gegenüber den Leuten, die ich meine, paßt jede Parodie, auch die einfältigste): »Über das unzureichende Entstehen von Gedanken beim Reden« soll mein Aufsatz überschrieben sein. »Entstehen« ist heute sicherlich ein Wort, das besser trifft als »Verfertigung«. »Es denkt« schrieb Lichtenberg prophetisch und nahm damit die moderne Erkenntnis vorweg, daß unser Gehirn zwar wohl denkt, aber unser »Ich« dabei nur als Gast und Beobachter beteiligt ist. (Manche Hirnforscher unterliegen ja regelrecht der nunmehr plausiblen Zwangsvorstellung eines dem Menschen aufgezwungenen Kausalitätsnetzes.) Wie sich das Gedankengarn und damit die Rede entspinnt, aber ist heute rätselhafter denn je. Es sind zwei einander zeitlich überlappende Vorgänge: Gedanken spinnen und sie in Worte oder gar womöglich in ganze, grammatisch richtige Sätze zu fassen, mit vagem Sinn oder exaktem Stachel, der einen Zuhörer provoziert, weil er ihn sofort »versteht«. (Die Abhandlung übers Verstehen ist schon in Arbeit.)

Schön und gut. Kleist ging davon aus, daß es zwar rätselhaft sei, wie solches möglich ist, aber er staunte und bewunderte die menschliche Fertigkeit, so daß angemessen rasch, wie es die jeweilige Artikulation erlaubt, und ohne daß einer sich verhaspelt, gute Sätze wie geschmiert ausgesprochen und noch dazu stimmige Gedanken fabriziert werden.

Er fordert seinen Freund auf, daß er forsch und forciert formulieren möge, Kleist schreibt »dreist«, und ermuntert ihn, dem Kleinmut zu widerstehen und die »Werkstätte der Vernunft« auf gut Glück in Anspruch zu nehmen. Ohne die Forschheit aber kann das Werk nicht gelingen. Die Gedanken sind da, nun müssen sie ans Licht getrieben werden. Bei wem sie allerdings fehlen oder wer sich, ängstlich und kleinmütig, nicht aufraffen kann, nicht geübt ist und die Sprache bisher vernachlässigt hat, wird scheitern. Dieses Scheitern hat einen Ausdruck: das unartikulierte Zwischengeräusch »ömmm« oder »ääh« oder einfach unsachgemäßes Gebrumm »äremnöämnnnnädrämmnrä …«.

Solcherlei »Ääh«, als der Prototyp des Zwischengeräuschs, verweist auf defensive Einstellung, selbstzweifelnde Ängstlichkeit und verworrenes Gedankengut. »Ääh« aber ist vor allem eine saublöde Angewohnheit. Die »Äählinge« können der Kleistschen Kategorie nicht genügen, ihnen fehlt, was jener allzu selbstverständlich vorausgesetzt hat, die Freude am wohllauten Ausdruck und der frisch entstehenden Wendung. Mir scheint gar, einer hat seine »Äähs« vom anderen abgeguckt, lernt sie regelrecht von schlechten Vorbildern, vielleicht in der Schule schon oder erst im Studium, und schämet sich nicht darob, bemerkt sie auch gar nicht. Das »Überbrückungs-Ääh«, womöglich mehrmals hintereinander, aber hat doch einen hohen Rang von echter Abscheulichkeit, als einem unästhetischen Sprachpopel, den einer sich abringt, so daß mir die ganze Freude am Zuhören verdorben wird, selbst, wenn einer etwas Richtiges auszudrücken sich abmüht. Aber da geht es in und wie mit den Arbeitszeugnissen: »Er hat sich bemüht, …« Ich schalte das Radio aus.

»Ääh« ist auch ein Sprachschnitzer, einer von der Sorte »Sprechschnitzer«, aber die geschriebene »Sprache« stellt ja – das sollte man mal wieder bedenken – nur eine kulturelle Ableitung dar. Ursprünglich haben die Menschen nur gesprochen, und die Schreibe ist erst allmählich vor ca. 3500 Jahren entstanden und hat sich fortentwickelt. Und erst heute übersteigt, zumindest in Europa, die Anzahl der Schreibkundigen die der Analphabeten. Also ist die Kultur der gesprochenen Sprache Voraussetzung für die der geschriebenen. Jedoch eine Mehrheit der Alphabeten kann sich nur schlecht ausdrücken, geschrieben wie gesprochen, Sprachkultur wird nicht verlangt. Den Leuten mangelt es an Maßstäben. Sie dulden ihre eigene Unbedarftheit und sind Element in einer riesigen deutschen Krähengesellschaft: Alle Augen bleiben drin, fast niemand versucht auszuhacken, symbolisch versteht sich, weil man sie diesbezüglich gleich beide zudrückt und zukneift. Man sieht’s nicht und will nicht gesehen werden. Selbst Linguisten sind in solcher Art repressiv tolerant. Als Preis für diese Unsitte und Kulturlosigkeit tritt übermäßiges, um nicht beinahe zu übertreiben: unmäßiges »Ääh« auf, allenthalben.

Den Teil »üble Angewohnheit«, abgesehen von unzureichenden Gedanken und viel zu wenigen verfügbaren Wörtern, aber kann man, zum eigenen Wohle, abstellen: trainieren! Und dann gewinnt nicht nur die Rede, sondern sogar der Gedankengang: wohlgesetzte Pausen sind das Mittel. Nachdenklichkeitsschweigen steigert die Aufmerksamkeit der Zuhörenden. Genau wie nach einem fulminanten Schluß der Sinfonie die sekundenlange Stille vor'm Beifall. Das muß man üben und darf sich keinerlei »Ääh« gestatten.

»Ääh« zu unterdrücken lernen durch Sprechpausen, meinetwegen »lautlose, innere Äähs« – ach nein, lieber nicht! –, Gedanken fassen ohne Wehlaut, macht das Rezept aus, und den Zuhörern ist Erholung zu gönnen. Sie bleiben am Zuhören, wenn die Rede »spannend« war, man hat es nicht nötig, gar durch Rülpslaute »öächchem« die Zuhörer an sich zu fesseln.

Das wäre das Rezept für die heilbaren Ählinge, für die mit klugen Gedanken und ausreichendem Wortschatz. Aber vielleicht rührt die Äähsucht auch aus einer Angst heraus, daß, wenn der Redner in einem kurzen Intervall keinen Laut mehr ausstößt, sich die Hörer eilig von ihm abwenden? Verrichtet er vielleicht deshalb sein Geräusch, um zu verhindern, daß ihn die Leute wegen seiner unklaren Redeweise zu ignorieren drohen? Besteht da etwa eine neurotische Spannung, welche sich quälend »Ausdruck« verschafft? Ist jedes »Ääh« nicht gar Indiz einer Not, da der Äähling vermuten muß, daß ihm – schon wie damals in der Kindheit – niemand richtig zuhört?

Mit dieser meiner beinahe wissenschaftlich anmutenden »Äähvermutung« – Also lehre ich euch die Äähvermutung! – möge diese, so stelle ich erstaunt fest, am Schluß regelrecht tiefschürfende Abhandlung ihr wohlverdientes Ende finden, oder … ääh … sollte es gar noch… ääh … etwa so weiter getrieben werden? (Abschluß-) »Ääh.«

Obsolete Nachschrift: Ob ich meine angekündigte Abhandlung »Über das unzureichende Entstehen von Gedanken beim Reden« überhaupt noch schreiben will, »steht dahin« (steht nun nicht mehr dahin, aber über den albernen Gebrauch von »steht dahin« sollte »sich auch mal Gedanken gemacht werden«; und gar diese Formel liest man immer häufiger, und in immer angeseheneren Publikationsorganen. Puuh!). Zunächst können ja Sie, liebe Leserin/lieber Leser, sich jene Überschrift auch schon über diesen Beitrag selbst setzen, denn warum, während jemand redend sich abmüht und mit »Ääh« über die Zeit rettet, notdürftige und zu wenige Gedanken entstehen, ist ja nun dargetan: Sie sind noch unzureichend entwickelt.

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Über das unzureichende Entstehen von Gedanken beim Reden

Von Heinrich von Kleist stammt »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«. Darin äußert er eine Vermutung: » Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde.« – Ob das jedoch nicht nur für große Redner gilt!? Kleist weist solche Fertigkeit nämlich ganz allgemein den Menschen zu.

Einschub —> »dor Mensch«

Nun spricht Kleist nicht etwa davon, daß alle Menschen dazu fähig wären, aber er unterstellt diese »Fabrikation« beinahe ohne Einschränkung allgemein, wenn einer nur innerlich vorbereitet ist und sich dreist gibt. Viele Menschen hätten die Fertigkeit, geordnete Gedanken aus sich heraus zu entwickeln, wenn sie sich vorher mit dem Thema nur intensiv beschäftigt haben, selbst nebulös und mit bloß unfertigen Ergebnissen, und sie nun forsch genug an den Mann oder die Schwester zu bringen sich erfrechen und erdreisten. Zu diesem Zeitpunkt erst würden die Gedanken einem klar, und man könne sie trefflich aussprechen. Eine innere, schöpferische Erregung sei notwendig, damit das Werk gelinge, und es gelänge am besten mit neuen Ideen, jedoch nicht so gut mit längst zur Ruhe gekommenen.

Der Titel » … die … Verfertigung… « ist eine recht verallgemeinerte Substantivierung: Jede Verfertigung – als genereller Begriff – findet statt. Nicht: »Bei manchen Menschen verfertigt sich manchmal … «, sondern » … die … Verfertigung … «. So, als ob es sich bei allen Leuten verfertige, wenn sie nur a) genügend nachgedacht und b) sich getrauen zu reden. Der geordnete Gedankenpfad ergäbe sich spontan, und sein nunmehriger Eigentümer könne ihn leicht und wie von selbst beschreiten. In meiner Überschrift habe ich dieses bestritten.

Die Erfahrungen mit diversen Leuten in der Praxis sieht nämlich anders aus. Zwar ist von außen nur die zweite Bedingung zu überprüfen, das Erdreisten, und man kann zunächst nicht beurteilen, ob die erste Bedingung zutrifft, aber die Wirkung aus beidem stellt sich rasch ein: die Verhaspelung. Ich habe an anderer Stelle (=>) vorgemacht, wie sowas lautet.

Also muß man vermuten, daß entweder der Sprecher/die Sprecherin nicht genügend nachgedacht oder Heinrich von Kleist sich geirrt hat. Ich vermute beides: nicht entweder/oder, sondern und. Denn Kleist beschreibt auch, daß diese Übung nicht mehr funktioniere, wenn ein altvertrauter Gedanke, wieder, ausgesprochen wird, und er versteift sich gar auf die Formulierung: » … vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden.« Ihm kommt es allein auf den Mut zu sprechen und das forsche Formulieren an: es werde schon gut gehen. Aber es geht meistens nicht gut.

Wie wäre es sonst zu erklären, daß nicht nur in privaten Gesprächen, sondern sogar in öffentlichen Debatten, wenn eins den Mund auftut, so erstaunlich häufig, ich mutmaße aus Erfahrung bei vielen gebildeten Leuten, ihre Rede immer wieder in eine Haspelrede verfällt. Selbst wenn sie erklären und möglichst verständlich formulieren müssen, streiten oder sich rechtfertigen. Ihre »Äähs« sind da nur Symptom dafür, ein Indiz, weil sie darauf warten, daß es in ihnen denken möge. Denn ihre Erfahrung mit sich selbst hat häufig ergeben, daß die Gedanken mit der Rede nicht Schritt gehalten haben. Nun haben sie sich jenes Überbrückungsgeräusch angewöhnt. Aber hier geht es ums Haspeln, »Ääh« steht anderswo.

So wie in den Romanen, so simpel knapp und grammatisch, redet natürlich niemand. Das muß ja auch nicht sein, aber Romane sollten gefälligst auch manchmal schildern oder wenigstens andeuten, wie ihre Figuren in wörtlicher Rede parlieren, sonst wirken sie schematisiert wie etwa »Marie Louise, du ergehst dich im Garten?« und kommen in vergleichbarer Art wie Opern daher, da wird sogar gesungen, und sind ebenso unrealistisch und nicht echt, sondern bilderbuchen. Man spricht in Romanen beinahe nur nach Schablone, schriftdeutsch, so als ob alle Figuren nicht haspelten, gewissermaßen in Kleistscher Manier. Kaum aber jemand redet real wie im Leben. Selbst die einfachsten Personen sprechen vollständige Sätze ohne jegliches »Ääh« und der Grammatik entsprechend. Das kann ja wohl nicht »wahr« sein. In der Wirklichkeit müßte man von sehr vielen Romanfiguren annehmen, daß sie wahrscheinlich haspeln, wie im täglichen Leben. Aber Hinweise der Autoren auf diesen Umstand findet man kaum jemals. Auch lebende Personen erheben den Anspruch, daß sie wissen, worüber sie reden und was sie sagen wollen; und sie haspeln doch. Die Diskrepanz ist offensichtlich, nur wird sie von den wenigsten wahrgenommen.

Auch nach Kleist haben Haspler/innen entweder nicht genügend Mut, sich aufzuschwingen, oder vorher überhaupt nicht nachgedacht. Dann hätten sich in ihnen noch viel zu wenige Gedanken und Einwände, Ideen und Gegenideen versammelt und stehen auch nicht zur Konklusion bereit. Sie dürften noch gar nicht anfangen auszusprechen, was in ihnen rumort, auch wenn es ihnen an Impertinenz nicht mangelt. Was aber habe beispielsweise ich schon für Ärger bekommen, weil ich in einem solchen Falle kritisiert habe, wenn einer in einer Diskussion so redete, würde er auch so denken. Da haben seine Freunde und er sich auf mich gestürzt und meine Anmaßung bekrittelt; der denke ganz richtig und vollständig, sie wären auch seiner Meinung, er könne es nur nicht ganz so gut ausdrücken.

Sie wußten natürlich nicht, wie fundamental sie damit Heinrich von Kleist bestätigten. Nach dessen Vorstellung kann das sehr wohl sein, falls einer sich nicht spontan und offensiv über seine Ansichten äußert. Kleist schreibt: »Man sieht oft in Gesellschaft … Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, … plötzlich mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. … Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber … «

Ich aber bleibe dabei: Wie einer redet, so denkt er auch. Falls allerdings – auf einem anderen Blatt – jemand vorbereitete Propaganda betreibt oder zusätzlich geübt ist, seine heimlichen Gedanken durch öffentliche Worte zu verbergen, gilt das Prinzip nicht. Aber über solcherart Betrug soll’s hier nicht gehen.

Wenn Kleist doch in gewissem Maße recht hätte, also auch hier keine Entweder-oder-Relation, Null oder Eins, herrschte, sondern ein analoger Zusammenhang: je mehr eine Person vor der spontanen Rede gedacht hat, desto besser könne sie das ausdrücken, wäre meine Meßlatte tatsächlich geeignet. Wer gut erklären kann, hat es verstanden. Und wir wissen dieses von den guten Lehrern und Lehrerinnen. Da hängen die Kinder ihnen an den Lippen und lieben sie dafür. Das sind die, die aus der »Kleistischen Flasche« getrunken haben. Es funktioniert: mit den richtigen und keinen überflüssigen Worten, mit anschaulichen Beispielen, nicht etwa hochwohltönend verrätselt. Mit viel Aufforderung zum Selberbegreifen schaffen sie einen geistigen Raum für Kinder, in dem diese sich wohl fühlen. Und sie lesen nicht vom Blatt ab. Aber sie sind gut vorbereitet. Es geht also.

Jedoch für solche Übung ist Kleist nicht recht zuständig: verworren gedacht und dreist reden reichen ihm. Eine große Menge Lehrer erklärt schlecht. Also wissen sie es besonders gut? Nein. Kinder kamen verdrossen nach Hause: »Heute habe ich mal wieder gar nichts verstanden.« Ich antwortete manchmal: »Vielleicht der Lehrer auch nicht!« Aber es ist in unserer Gesellschaft üblich, eben weil die Mehrheit auch nicht gut erklären und frei sprechen kann, sich mit Kritik zurückzuhalten. Auch hier herrscht die Krähengesellschaft: Sie behacken sich gegenseitig nicht, sondern halten still, weil sie’s auch nicht besser könnten, auf daß auch sie nicht gefordert werden, ihre eigene Gedankentiefe und -fülle zu mehren, bevor sie anfangen zu reden. Aber es müßte sich bei ihnen, wie früher der Brühkaffee, gesetzt haben; erst kurz aufgegossen ist er noch nicht genießbar.

Also wird – gegen Kleists Appell! – in öffentlichen Reden so häufig abgelesen und so wenig frei gesprochen: Die ausgedachten Gedanken sind dann offensichtlich entweder noch unfertig, nicht genügend verinnerlicht, noch nicht zum Fundus geworden, sondern nur oberflächlich, oder aber so vertraut und abgeschmackt, daß einer sie nicht mehr erregt und begeistert aus’m Kopf heraus vortragen kann. Aber nur aus dem Brunnen der Gedankentiefe – Kleist schreibt »durch Meditation« – läßt sich schöpfen, nicht aus einer Ideenpfütze.

Und – jetzt sind wir wieder einig, Kleist und ich – zu allem Beginnen muß genügend Sprachvermögen zur Verfügung stehen: « … ist es unerläßlich, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei … «. Sprache ist nicht in erster Linie die Fähigkeit, auf dem Papier oder am Computer mit allen seinen Hilfsmitteln, z.B. Thesaurus, schließlich wohlgefügte Sätze und Aufsätze zu erzeugen. Sprache ist was man spricht. Daß man auch schreibt, bleibt sekundär. Aber sprechen, frei sprechen, also die Wörter im Augenblick zu erfinden – gut vorbereitet – und wohlgesetzt aneinander zu fügen nach allen Regeln einer Sprache, ist die erste Rednerpflicht. Dafür muß einer selbstredend hoch konzentriert sein! Auch diese Anspannung ist zu üben. Der kleine L., Freundeskind, konnte das mit 5 Jahren vortrefflich, unaufgeregt gute ganze Sätze, einschließlich manchmal Konjunk- und Genitiv. Man kann es früh gelernt haben, und die Sprachforscher meinen heute, daß man mit etwa 6 Jahren sprechfertig sei. Die Satzbildungsfähigkeit sei beinahe abgeschlossen, nur kämen neue Wörter noch dazu.

Es scheint, daß in der deutschen Gesellschaft diese Fertigkeit weder gefördert noch recht geduldet wird: In den akademischen Kreisen gilt ein Mensch als Exot, wenn sie oder er frei spricht. Man hat abzulesen. Frei sprechen ist eine Provokation und kann angeblich Gedanken nicht so tief und differenziert wiedergeben wie Vorformuliertes. So als ob wissenschaftliche Prosa hierzulande auch sprachlich immer feinsinnig daher käme, sogar solche, in denen etwa die Beinhaltung erstellt wird. Dabei schallt Abgelesenes oft vernuschelt, ist verschachtelt und wirkt auf gediegene, anspruchsvolle Weise dunkel. Der Redner hat, abfassend, nicht wirklich verstanden, was und wie er’s sagen und sprechen(!) wollte, sondern hat es irgendwann bei einem jeweiligen Stand der Manuskript-Vorbereitung belassen, wenn es ihn nur wissenschaftlich genug anmutete. Möglichst wenig verständlich gilt als wissenschaftlich anspruchsvoll. Und langweilig ist es oft noch zusätzlich.

Ja, selbst ablesen – mit lauter deutlicher Stimme, Sprachmelodie und menschlichem Ausdruck jeweils für das Wichtige und weniger Wichtige – will gelernt sein, aber die Ableser beherrschen nicht einmal dieses: sie leiern, leiern, leiern – in Einheitsmeldodie. Im wissenschaftlichen Betrieb reicht leider immer das Manuskript, vielleicht ist es zur Veröffentlichung bestimmt, und nie wird auch der Vortrag beurteilt, der Unterhaltungswert, die Anregung zum Mit- und Selbstdenken und das Vergnügen am Erlebnis beim Zuhören. Ich verkneife mir »Event«.

Also hat Heinrich von Kleist uns mit seinem Aufsatz nur einen halb-bedeutsamen Dienst getan. Zwar empfiehlt er die freie spontane Rede, um überhaupt zu einem Gedanken zu kommen, aber er fordert nicht zugleich zu fundierter Vorbereitung auf. Vermutlich wären zu seiner Zeit, da Rhetorik noch hoch im Kurs stand, eine eintönige Ablese von ihm nicht goutiert worden, jedoch er beschränkt sich auf die glühende, dreiste Begeisterung, und natürlich hat er auch recht, ebenso wie Lichtenberg, daß »es« in uns – ich schreibe besser nicht: im Menschen – gedacht haben muß, bevor was dargestellt werden kann.

Da heute, weil wohlverstandener Rhetorik nur ein geringer Wert zugemessen wird, das Reden mit ausreichendem, differenzierten Wortschatz weder gefordert noch gefördert wird – man muß sie üben! –, bleibt die Situation zum Verzweifeln: Sprachpflege ist zu einem ganz großen Teil auch »Sprechpflege«. Sich ausdrücken zu können, zwar um Worte zu ringen, sie aber doch in genügender Qualität und Menge zur Verfügung zu haben – treffende Wörter, keine Modefloskeln! – ist eine Kleistsche Fertigkeit. Sie existiert heute nur in groß angelegter Vernachlässigung. Diese Vernachlässigung ist eine implizite Einrichtung in der deutschen Sprachlandschaft, eine Institution wie die Kleiderordnung bei Hofe es war. In fast allen wissenschaftlichen Gremien wird sie gepflegt. Und »Wissenschaftlichkeit« ist ihr Deckmantel. Wohlgemerkt: der Deckmantel der Vernachlässigung der freien Rede, so daß den Gedanken beim freien Reden die Worte oftmals fehlen.

Da liest man lieber ab.

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Etwas Verzichtbares

Die Brentano-Gesellschaft (mbH), Frankfurt, hat einen Gedichtwettbewerb für Weihnachten 2006 ausgeschrieben – Einsendeschluß ist der 10. Oktober – u.a. zum Thema »Das Unverzichtbare«. Wer hat sich wohl diesen Titel ausgedacht, bzw. ihn »erstellt«(siehe auch dort!)? Vermutlich, weil Weihnachten bekanntlich so besinnlich und hierfür eine gar gründliche Bedachtsamkeit eben des Dichters erforderlich macht. Mir aber hätte es beinahe die Sprache verschlagen.

Der Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsche Sprache, Professor Rudolf Hoberg, ich führe seine Bekundung wieder mit Genuß an, lehnt zwar den Sprachverfall als solchen ab, nimmt ihn nicht wahr, aber definiert dennoch seine Ursachen als die Einbürgerung von Fehlern, weil die Leute ihre Sprache nicht richtig beherrschten.

Auch lang andauernde Fehler sind nicht dadurch gerechtfertigt, daß sie bei den Schmöcken zum Alltag und im Duden zu den längst nicht mehr kommentierten Einträgen gehören. Einer davon ist, daß etwas »unverzichtbar« sei. Eckhard Henscheid hat es ins »Dummdeutsch« aufgenommen. Allerdings nur als Beispiel für eine zeitbedingte Häufung in der Rede von Stupidenten.

Aber dieser überkommene Fehler ist von größerem Ausmaß. Grammatisch dürfte man das Wort gar nicht bilden, denn verzichten kann einer nur »auf« etwas, aber man kann nicht etwas verzichten. Grammatisch erfordert das Verb zwingend die Präpositionalergänzung. Man kann etwas unterlassen, dann dürfte man »unterlassbar« bilden oder will etwas vermeiden, und deshalb sind manche Wörter »vermeidbar« oder sich ihrer enthalten, und dann wären jene Wörter natürlich nicht »enthaltbar«, weil ein falsches Objekt/Subjekt unterstellt würde (»es« anstatt »ich mich«). Das Reflexivpronomen ist zwingend und läßt eine solche Ableitung nicht zu.

Also unterlassen sprachfühlende Menschen »das Unverzichtbare«; denn dabei stellt sich wie bei allen Verstößen gegen die Muttersprache in ihnen jenes Unbehagen und Bauchgrimmen ein, das ein sprachlich fühlend‘ Herz, Ohr & Zung‘ befällt, wenn grobschlächtig gegen das Sprachgefühl und sogar eindeutig gegen die Grammatik sich vergangen wird. (Bei diesem letzten Satz ist ein ebensolches Mißbehagen dringend erforderlich, denn wem es nicht auffällt, daß das Passiv mit »sich« ein unbedingt zu vermeidendes ist, braucht nicht weiterzulesen, sondern sollte so lange verharren, wie er braucht, bis er sich an dem Satz stößt.)

Aber »unverzichtbar« gehört doch längst zum Alltag, da solle man sich nicht so anstellen und alles gleich auf die Goldwaage legen! – Der Einwand sticht, Toleranz gehört dazu, und nicht jede kleine sprachliche Macke ist das Papier wert, das benötigt wird, sie anzuprangern. Nur: »unverzichtbar« bewirkt auch auf der Kartoffelwaage einen kleinen Ausschlag. Wenn die Schmöcke etwas als unverzichtbar bezeichnen – gleich kommen Beispiele –, so stört es doch, Henscheid ärgert sich, aber die Welt geht natürlich zur Tagesordnung über. Daran will ich mich irgendwann gewöhnen, das hat aber noch Zeit.

Jedoch bei den (pardon:) Gebildeten, gar solchen im Literaturbetrieb, die mit Anspruch und Ausbildung eigentlich glänzen müßten, und nur gutes, feines Deutsch zu schreiben hätten, jenseits alberner Moden und dämlicher Schluderei, bei denen ist sehr wohl die Goldwaage zu verwenden, mit der Kartoffelwaage könnte man sie nur erschlagen.

Eine literarische Gesellschaft entblödet sich nicht (bleibt blöde), so fehlerhaft und weihnachtlich zu funkeln, sprachliche Kompetenz schmählich zu mißachten und sogar stolz übers eigene Thema eine öffentliche »Gedichtausschreibung« zu veranlassen. Und ich wette, daß die Teilnehmer den sprachlichen Verhunz nicht bemerken, sondern inniglich aufs Wesentliche dieses unseres Lebens, das Gutewahreschöne, Besinnung & Stille poesiemäßig sich nicht zu verzichten getrauen. Da werde wohl ich auch teilnehmen müssen.

Der beste Weg heute – da hatte Goethe noch Schwierigkeiten – zu analysieren, was so alles geschrieben wird, ist mit Google zu suchen. »Unverzichtbar« kommt im deutschen Google-Sprachraum etwa 4.280.000 mal vor. Dalegstdinida; am nettesten war noch eine spöttische Annonce für die »Die UnverzichtBar«. Und auch bei »Das Unverzichtbare«, Titel des Wettbewerbs, waren es noch ca. 88.200 Einträge, allerdings meist mit kleinem »u«. Ich habe sie alle durchgesehen. Was wird da nicht alles verzichtet!?

Eine kleine Aufzählung kann nicht schaden, also (laut lesen!): Das unverzichtbare … Bemühen, Detail, Erbe, Accessoire, Dopamin, Einstecktuch, Herzstück, Komplettpaket, Malmittel (Wasser), Snowboardbuch, Symbol, Wissen, Vollkornbrot, Update in Sachen Kreation, Toolboard, Rückgrad, Rückgrat, Rückrat, – (Rechtschreibschwäche ist vernachlässigbar(sic) gegenüber Ausdrucksschwäche) – Olivenöl, mentale Kondom für den gebildeten Menschen, ••• aufhören! – nein, weiter geht's: Das unverzichtbare … ••• Außen, Ethos des Sports, Feigenblatt, Glied, Highlighting, Journal, Komplement, Laufrädchen, Mac-Graphik-Tool, Liverepertoire, MUSS, Schwergewicht, Polo, Skelett, Sommer-Duo, Trendaccessoire dieser Saison!, ultimative Erstsemester-ABC, Umschlagtuch, Zubehörprodukt, "Drum und Dran", Arbeitsmittel, "krautsourcing”, Crew-Mitglied, Formular, griechische Weißbrot, Futter für die Haßlust, "KrrrrrrKrrrrrKrrrrr" … Das letzte ist vielleicht lustig gemeint gewesen. Und vieles mehr, in echt.

Nach dieser kleinen Probe, läßt sich neben den Argumenten am Anfang noch ein weiteres gegen »unverzichtbar« hinzufügen, nämlich das gegen den apodiktischen Euphemismus. Gut, ich erklär‘s.

Wenn man die Aufzählung betrachtet und registriert, was alles »unverzichtbar« sei, kommt einem alsbald die Einsicht: es sind im wesentlichen nur unwesentliche Dinge. Sie werden als unbedingt nötig herausgestellt, weil ansonsten niemand auf den Gedanken käme, sie als so elementar lebenswichtig einzuschätzen.

Also wird »unverzichtbar« beinahe nur von Propagandisten verwendet, die im Zuge ihrer übertreibenden Anpreisungen genau auf ein solches Stupidwort, einen Sprachverfallsausdruck, verfallen, weil ihnen das Sprachgefühl fehlt und sie leicht auf alles, was die Mode ihnen präsentiert und zum Donnerwort macht, hereinfallen: Sie sind »hereinfallbar« und würden auch dieses Wort anstandslos gebrauchen.

Apodiktischer Euphemismus ist als energische Beschönigung einer Banalität zu verstehen. Die Schreiber wollen ihr Produkt oder ihre Ansicht als »postulatio absoluta« verstanden wissen, der man nicht zu widersprechen habe: »Wer auf sie verzichten möchte, hat sie wohl nicht mehr alle!« wollen uns diese mitteilen. Und deshalb muß man sich gegen das Unverzichtbare wehren, sowohl, weil es sprachlich zum Schluderschund gehört, als auch, weil sein Anspruch uns einen Zwang antut, dem wir nicht genügen wollen. Einverstanden?

siehe auch: (un-)verzichtbar

 

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Müllers Kuh oder die Kuh des alten Müller         

Unser deutscher Dichter Johann Wolfgang (von) Goethe, welcher sicherlich dem Namen nach, wenn auch nicht von Person, den meisten, welche dieses lesen, bekannt sein dürfte, schrieb mit 24 Jahren, als er sich von Charlotte Buff, der nachmaligen Charlotte Kestner, losgeeist hatte, den Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers«. Darin kommt eine »Lotte« vor, deren Unzugänglichkeit den Antihelden schließlich veranlaßt, sich über dem rechten Auge in den Kopf zu schießen.

J. W. Goethe hatte da als einer der diesbezüglich gewieftesten unter den deutschen Dichtern »das alte Hausmittel« der – damals noch nicht so genannten – Psychohygiene angewendet und seinen Trennungsschmerz sublimiert: »Wenn ich mich nun aber dadurch [eben jenen Briefroman] erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten mich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen.« (D&W, 13. Buch)

Er, der Dichter ebenso wie der Roman, erregte damals großes Aufsehen, veranlasste tatsächlich einige unglücklich verliebte Leser, sich wie jener junge Werther ebenfalls zu entleiben, und machte den Autor in den Medien schon ab dem Jahre 1774 bekannt. Der Titel des Romans wurde alsbald abgekürzt und ging in die Literaturgeschichte ein als »Werthers Leiden«. Soweit ist die Sache bekannt und bewußt. Aber darum geht es ja hier überhaupt nicht.

Schon 1775 schrieb in den »Hamburgischen Nachrichten« ein Rezensent: »Zu den Schriften, welche als sichtbare Beispiele der Ausbrüche des Verderbens unserer Zeit [dreifacher Genitiv!] anzuführen sind, rechnen wir die Leiden – Narrheiten und Tollheiten, sollte es heißen – des jungen Werther, einen Roman, welcher …«. Und in den »Literarischen Neuigkeiten, Augsburg 1775« hieß es: »Die hochwürdige theologische Fakultät zu Leipzig hat kürzlich die "Leiden des jungen Werther" konfisziert.«

Schon seit 1775 also klaut man dem Werther im Titel sein Genitiv-s. Dieser Trend hat seit damals eher noch zugenommen, die Genitive werden reihenweise verstümmelt, nicht etwa nur durch dem Dativ ersetzt, sondern gewissermaßen »entesst«, und allenthalben entblöden sich die Lektoren, Verlage und Rezensenten nicht, der Entessung keinen Einhalt zu gebieten. Das geht schon seit 230 Jahren so, man hat sich daran gewöhnt und kaum protestiert.

Aber das weggelassene »s« ist doch das unseres öbersten Nationaldichter (hier vermißt man’s schmerzlich)! Das »s« ist von Goethe! Nicht von Eckermann oder Böll, beispielsweise. Man hat den Romantitel, aus gramati(kali)scher Ignoranz heraus vereinfacht, so daß dem durchschnittlichen Leser nichts auffällt, nichts seinem Sprachgefühl, und er nicht seiner Unkenntnis über Goethes tatsächlichen Titel widerspricht.

Zu seiner Zeit hat man die Namen noch gehörig gebeugt, er, Goethe, ist damals Schillern besuchen gegangen, und die Frau vom Schiller war die Schillerin, Verzeihung: von Schillerin. Besonders bekannt war zu ihrer Zeit die Madame Neuber, welche allenthalben auch heute nur als die Neuberin genannt wird. Goethe hat den Namen gebeugt und hätte sich beklagt, wenn jemand nicht »des alten Goethes neues Haus« gesagt hätte, beispielsweise, und mir erscheint der Ausdruck ohne »s« eher holprig und unzulänglich: des alten Goethe neues Haus.

Selbstverständlich ist Werthers »s« ein störrisch Ding in jener Wörtersequenz, die Goethe gewählt hat; der hat ja nicht »Werthers Leiden« getitelt, sondern eben …s.o. Für manche wirkt‘s »irgendwie« überflüssig, ungebräuchlich, fehl am Platze, und scheint seine Berechtigung verloren zu haben, wenn man’s nicht so genau nimmt. Und man nimmt heutzutage im Zuge der Sprachinflation – alles, was möglich ist, ist auch erlaubt, und unmögliches wird bedenkenlos praktiziert – keinen Anstoß mehr am Verhuntz: Die Wörter werden aufs empfindlichste in ihren Bedeutungen gestört.

»Der Schatten des Körpers des Kutschers« hieß 1960 eine, nennen wir’s: Novelle von Peter Weiss – ja, das waren noch Genitive! – und würde heute selbstverständlich lauten müssen: »Vom Kutscher seinem Körper der Schatten « oder ähnlich, weil man sich des zweiten Falls schämt & scheut. Entschlossene Frage: Warum bloß?

Daß diese in den weniger gebildeten Kreisen keine Frage ist, steht fest, aber dort gehört sie auch gar nicht hin, da ist der Sprachschluder ja fester Bestandteil des Alltags und auch gar nicht so schlimm, denn geredet, gehört, verklungen ist eins, und schreiben, gar mit Anspruch, tut von denen sowieso keine(r). Stete Wirkung hat das nicht, selbst wenn man im Plebs-TV talkt. Da kann dauerhaft nichts anbrennen; deren Auslassungen verhallen ohne Widerhall, tolerant belächelt. Aber eben die gebildet erscheinen wollenden machen es vor, und die halb gebildet erscheinenden machen es nach, erstere sind beispielsweise Lektoren – das muß man sich mal klar machen(!), Sprachwissenschaftler –, die Goethes Titel ungeschehen machen und entessen. Sie glauben (un-)wohl, der Dichterfürst hätte sich versehen. Aber wenn er hätte, so müßten sie doch um der historischen Richtigkeit willen den ganzen Titel drucken und ihn nicht willkürlich entstellen; die Odyssee kann man doch auch nicht als Odysseuse herausgeben, nur weil damit besser auf den Helden der Geschichte hingewiesen würde.

Solcherlei Entessung des Werthers »erstellt« (dieses Wort mag denen angemessen sein) jedoch mehr als die Hälfte deutschsprachiger Verlage; das ist leicht nachzuweisen, denn heutzutage kann man bekanntlich – früher wäre das eine Wochenfron gewesen – googeln (o.ä.) und findet rasend schnell alle(?) jetzt angebotenen Ausgaben, als Buch und CD. In diesem Falle habe ich bei www.Amazon.de nach »Goethe Werther« (83 Treffer) und nach »Goethe Werthers« (79 Treffer) gesucht. Im ersten Fall allerdings fielen einige raus, da es zwar ums Thema »Werther« ging, aber der Titel nicht vorkommt.

Zunächst aufgeführt werden die Weizen-Verlage, die mit Werthers »s«:

Asmus + Bange + Bertelsmann + Beyer + Biblio + Böhlaus Nachfolger + Cornelsen + Deutscher Klassiker + Dtv + Goldmann + Harenberg + Hörgut! + Igel + Insel + Könemann + Litraton + R. Wunderlich + Reclam + Schöningh + Schott Musik International + Suhrkamp + Weltbild + Winkler

Die Spreu-Verlage beginnen mit

Desch (1946) – Rütten & Loening (1952) – Verl. Neues Leben (1964) - Insel-Verl. (1965)

Kurt Desch also hat es vorgemacht – Stirnrunzeln seiner Asche! –, und viele, viele folgten, nämlich:

Anaconda - Artemis & Winkler - Ascolto - Bange - BMG Wort - Buchclub 65 - Carl Winter - Dhv der Hörverlag - Diesterweg - Diogenes - Dtv - Fischer - Hamburger Lesehefte - Insel - Joan Records - Klett - Langenscheidt - Mentor - Neuer Kaiser V. - Oldenbourg - Patmos - Preiser - Reclam - Saur - Stark - Studienkreis Verlag für Pädagogik und Didaktik - Terzio - Universal Music - Voltmedia - Wagenbach - Zyx Music

Bemerkenswert, daß es Verlage gibt, in denen beide Titelfassungen vorkommen; da wissen offensichtlich die Lektoren zur Linken nichts von den Rechten. Die Titel der Spreugruppe übrigens sind im Durchschnitt neueren Datums, sie liegen im Trend.

Nachdem ich dies angeprangert habe – und die im Halseisen werden noch längst nicht freigelassen –, frage ich dennoch: Wieso & wie hat sich »die Sprache« (sowas von einer unzulässigen Verallgemeinerung!) dahingehend geändert, daß der falsche Gebrauch beinahe zum rechten geworden ist? Das Genitiv-s ist doch noch nicht tot. Es wird weiterhin von maßgeblichen Kreisen gefördert und der zweite Fall neuerdings gar gehätschelt: Rettet denselben!

Warum widerspricht das gebildete Sprachgefühl nur wenig vehement, wenn einer zwar August Müllers Kuh, aber auch die Kuh des Müllers sagt. Ach, nein, halt, das war ein ungeeignetes Beispiel: Alle Müllers, sowohl als Name als auch als Beruf vertragen hier das »s«, aber das gilt vielleicht nicht in »der Kuh des alten Müller(s)«, also bei Müller mit Attribut? Oder vielleicht macht das bereits hinlänglich suspekte Sprachgefühl gar einen Unterschied, wenn entweder ein Eigenname oder eine Bezeichnung gemeint ist: die Kuh des alten Müllers, dem sich noch die Mühle dreht, geht an, aber die Kuh des alten Müller, August mit Vornamen, wird auch geduldet.

Ist das so? Hiermit frage ich: Sie, beispielsweise! Und wie wäre es – Mai 1776 – »mit des damals noch ziemlich jungen Goethes altem Gartenhäuschen«, wenn da dem Goethe das »s« fehlte? Oder aber »mit dem alten Gartenhäuschen des damals noch ziemlich jungen Goethe«? Unser Sprachgefühl könnte sich in beiden Fällen an das gewisse s-Holpern gewöhnen, denn ohne zu holpern bliebe der Ausdruck ein trockener Ast und toter Fall. Soll man also den Mut zum Genitiv-s in jedem Falle aufbringen? Das ist eine Frage an Sie, Leser/in, und ans Sprachgefühl, ans deutsche …schließen wir uns an.

Bei Goethe war 1774 diese Frage fast noch gar nicht gestellt. Sein damaliges Sprachgefühl müßte allerdings heutige Benutzer der Sprache provozieren, denn er bestand auf dem »s«, sie aber lassen‘s. Man muß es ihm jedoch auch heute gewähren, es ist sein Titel, selbst wenn schon zur damaligen Zeit solcherlei Verhuntzer in den gelehrten Anzeigern geschrieben haben, die’s prompt ignorierten. Nur, wer das heute auch tut von den Lektoren und Lektörinnen, zumindest bei diesem Titel, öffnet dem Sprachschliff die Luken.

Die Grammatik als solche zu versimpeln wäre da als Ausweg zwar nicht wirklich empfehlenswert, allerdings bliebe bloß noch ein einziger Fall (der Ativ) übrig, kein Deklina- und Konjugation, als Artikel nur noch d‘, Geschlechter sind eh von Übel, auch nur Infinitive – das können man schon von d‘ Chinesen lernen –, gebeugen sein nicht mehr, von d Satzzeichen blieben (oh halt: Konjunktive sein obsolet: bleiben) nun doch ein bestimmt Apostroph wegen d deutsch sächsisch Genitiv‘s Überbleibsel aus Denglish und nur noch d Punkt. Gehen doch verstehen man.

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PS: Wie lange wird es wohl noch dauern, daß in literarischen Texten zum ersten mal »Werther‘s Leiden« auftaucht? Ob wir noch lange warten dürfen?

PPS: Am 26. März 1816 schrieb Goethe an Zelter: »Vor einigen Tagen kam mir zufälligerweise die erste Ausgabe meines Werther in die Hände, und dieses bei mir längst verschollene Lied fing wieder an zu klingen.«

PPPS: Lesen Sie gleich weiter bei den Ländern aller Herren!

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Einschub: »Dor Mensch«

[ Die Menschen – das unterstellen verwegen manche, die Ansichten äußern – seien alle »irgendwie« gleich. Solches behaupten sogar sehr viele von denen, die den Anspruch erheben, etwas Gültiges über die Welt auszusagen und insbesondere über den wichtigsten Gegenstand daselbst, den sie aus eigenem Verstehen behandeln: über »den« Menschen. »Dor Mensch«, trotz »seiner« Vielfalt habe eine Unmenge von essentiellen Eigenschaften, die bei allen irgendwie gleich seien und man deshalb bedenkenlos über »den Menschen« in den eigenen Schriften verfügen dürfe. Allerdings sollte jede(r) auch diese paradoxe Maxime bedenken: »Niemals richtig. Immer wichtig. Übers Verallgemeinern«. (Dem also widerspricht, beispielsweise, Erich Kästner). Sie aber tun’s trotzdem.

Aphorismen von Männern {…} pauschal über »die Frau« mit absolut stupiden, großmäuligen und manchmal schändlichen Verallgemeinerungen sind Legion. Vorurteile, die sich selbst entlarven, weil heute die Frauen auch viele männliche Fürsprecher haben, denen die Schablonen zu dumm vorkommen. Aber wo sind die Fürsprecher für die Menschen, wenn Legionen von Predigern, Philosophen und Psychopathen von oben herab und naßforsch über »den Menschen« befinden!?

(Kästner allerdings gilt, obwohl er die Maxime so trefflich äußert, in der »geistigen Welt« viel weniger als beispielsweise Heidegger, obwohl, nein weil dieser der Maxime immanent zuwider gehandelt hat. Je abstrakter einer also schreibt, desto weniger man versteht, als umso bedeutsamer gilt er. – Das war jetzt eine Abschweifung; man muß »zurücklesen«, obwohl dem Jean Paul solches übel aufstieße, man es also besser vermeidet. Bitte, nur dies eine Mal!)

Trotzdem generalisieren sie »bedenkenlos«. Darauf angesprochen beeilen sich viele zu versichern, es gäbe schon Unterschiede zwischen den einzelnen, auch seien die Männer (der Mann) nicht wie die Frauen (die Frau) – (und umgekehrt), aber dennoch reden und schreiben sie wie losgelassen immer wieder vom Menschen als solchem. Vage Ähnlichkeiten werden zur Gleichheit, Unterschiede und Skrupel weggelassen. Jeder Mensch wird vereinnahmt. (»Goethe als solcher« war bekanntlich das Thema von Tucholskys geträumtem Abituraufsatz, »Der Mensch als solcher« ist ein unerschöpfliches.) »Der Mensch« tritt überall auf, und nur wenige scheuen sich, »ihn« auszudrücken, denn der Mensch spricht gern über den Menschen. Über diese Gattung läßt sich eben trefflich Grundlegendes ganz einfach ausdrücken, wichtigtuerisch und immer falsch. Solche Generalisierungssucht ist eine der schlimmsten. Ich beispielsweise begegne Menschen, die bedenkenlos »vom Menschen (als solchem)« sprechen, immer mit Mißtrauen, also den meisten Geistlichen und Konsorten. ]

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Heinrich von Kleist

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

An R[ühle] v. L[ilienstern]

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, l'appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l'idée vient en parlant. Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche, in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kaestner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt. In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Molière seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt jener »Donnerkeil« des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? »Ja«, antwortete Mirabeau, »wir haben des Königs Befehl vernommen« - ich bin gewiß, daß er bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: »ja, mein Herr«, wiederholte er, »wir haben ihn vernommen« - man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. »Doch was berechtigt Sie« - fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf - »uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.« - Das war es was er brauchte! »Die Nation gibt Befehle und empfängt keine« - um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. »Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre« - und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: »so sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsre Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.« - Worauf er sich, selbst zufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. - Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankrott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von dem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß Mirabeau, sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chatelet, und der Vorsicht, Raum. - Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück. Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: Les animaux malades de la peste, wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viele Sünder seien im Volke, der Tod des größesten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder einen Hund, diese nichtswürdige Bestie?« Und: »quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »on peut dire«, obschon er noch nicht weiß was? »qu'il méritoit tout mal«, auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »étant«, eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens là«, und nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimérique empire.« - Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt) das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen. - Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse. Etwas ganz anderes ist es wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten grade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich mit einer zuckenden Bewegung, aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festhaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen erforderlich war, wieder nieder. In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell, als möglich, aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt. Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene, und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen ohne vorhergegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: was ist der Staat? Oder: was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute sich in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeitlang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit durch Vergleichung, Absonderung, und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo diese Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit der Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade ein öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm uns nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner, Mißgriffe tun könnte. Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemandem, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling gegeben zu haben, den sie examinierten.
(Die Fortsetzung folgt.)

[Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden,11 Seiten Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 28760 (vgl. Kleist-WuB Bd. 3, S. 458-459)]

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