•• von vornherein: Ich kann nicht alles in Anführungsstriche »…« (D) / «…» (CH, F) setzen, was ironischen Beiklang hat oder an ein Zitat erinnern soll. Manche meiner Formulierungen parodieren gerade dasjenige ganz sacht, was anzuprangern wert ist. Im Zweifelsfalle urteile man immer zu meinen Gunsten, wenn jemand etwas entdeckt, was nicht ganz »koscher« erscheint. •••

»In einem Unternehmen soll das Lager outgesourct werden«, schreibt mir eine Frau Süß, welche mir für teures Geld einen Lehrgang zum Projektmanagement verkaufen will. Ich dagegen reagiere sauer und werde ihr eins husten. Soll ich etwa Leute unterstützen, die mit ihrem Deutsch die »Sprachdummheit« fördern, Leute ohne Gespür für richtige Grammatik und sprachlichen Anstand? Vermutlich sind ihre restlichen Unterlagen in derselben naßforschen Manier verfaßt, genauso bedenkenlos formuliert & in ihrer Art modemäßig aufgepeppt; sie würden mich also immer zur Erbitterung reizen. Nein, mich ihnen zu verweigern und ihre Inkompetenz zu verspotten, bleibt mein einziges Mittel. Deshalb UnGzAvS.

• »spannend« ist heute das überkommene Ersatzwort für »interessant« geworden, und seine Inflation geht über alle Vorstellung hinaus, die je mit »interessant« verbunden war, denn dieses hat Sinn, weil es immerhin aussagt, zu irgendetwas wäre eine(r) hingeneigt, würde sich damit befassen wollen und wäre daran – na, eben – interessiert (die lateinische Ableitung erspare ich mir), jenes aber, »spannend«, drückt bloß aus, daß irgendetwas einen nicht in Ruhe weiter sinnen läßt, sondern aufregend wäre, wenn man sich damit abgäbe. Heute will einem alles »spannend« erscheinen, damit das jeweils damit verbundene Lebensgefühl nicht eintönig bleibe, sondern aufregend werde; sonst müßte man sich – allein mit sich beschäftigt – entsetzlich langweilen.

»Spannend« ist kein Wort des Volkes (gibt’s das noch?), sondern der gehobenen Kulturellen, solchen, denen im Besinnungsaufsatz (gibt’s nicht mehr) der Deutschlehrer ein »W« für Wiederholung an den Heftrand geschrieben hatte, wenn ihnen ständig »interessant« unterlief; also haben sie es später vermieden und nun durch »spannend« ersetzt: überall, in jeder Situation, für alles Lob, das sie austeilen wollen, ohne Ausnahme, einzig & allein dieses abgegriffene, schadhaft gewordene Wort fällt ihnen ein, nichts weiter, fast nie ein anderes, niemals etwas die Situation treffendes.

Ich höre die Kultursender in der Region: Was beispielsweise im Hessischen Rundfunk II an törichten Jungfrauen (Moderatorinnen) schwätzt, die sprachlich weiter nichts zur Verfügung haben als jedesmal »spannend« (»Sonst nichts? – Sonst nichts!), ist kaum auszumachen. Sie fühlen sich wohl in ihrer Beschränktheit und vermitteln in einer Art Überlegenheitsgeste ihre Stellung am Rande der kulturellen Avantgarde. Aber auch die von ihnen Interviewten schließen sich an, vom Tanzprofessor bis zum Literaten, alles »ihnen Wichtige« (der Ausdruck ist schon schlimm genug) gerät ihnen schließlich nur mehr als »spannend«. Wahrscheinlich werden sie wegen dieser spezifischen Beschränktheit vom Sender ausgesucht.

Schon die entsetzliche Inflation ist kaum auszuhalten, wenn man jederzeit damit rechnen muß, daß irgendein Tropf im Rundfunk wieder etwas »spannend« findet, ich renne zum Ausschaltknopf, aber noch entsetzlicher ist die Tatsache, daß es ihnen nicht auffällt. Sie merken nichts. Nichts! – Wie aber lautet zum Trost mein dafür vorgesehener Aphorismus? So: Dummheit ist Unwissenheit, die sich ihrer Sache sicher ist.

»Wir freuen uns auf Sie und bitten Sie Ihre Kunden-Rabatt-Coupons mitzubringen. Diese können Sie bis … in unseren Einrichtungszentren … gerne einlösen.« — Ja, was wissen denn die, was Ich »gerne« tun will. Den Teufel werde ich, und mit ihrem Rabatt mögen sie sich an denselben wenden. Aber so schreiben und reden heute fast alle nicht nur in werblichen Aussagen: »Sie dürfen mich gern mal anrufen!« … und wollen ausdrücken, daß sie nichts dagegen hätten, wenn ich sie mal (gern?) anriefe. Seinen ursprünglichen, eingeschränkten Belang hat »gern«, nämlich daß es ans Subjekt gebunden und nur diesem verpflichtet ist, verloren; es wird nun beliebig auch für Objekte benutzt. Aufeinmal, schon seit Jahren, können andere mir vorsagen, was ich und noch dazu mit Vergnügen tun möge, so fasse ich ihre Rede auf. Sie aber mißbrauchen das Wort und klappen es um: Die Wortkarte hatte auch eine Rückseite, eine neutrale, die nicht ausgespielt werden konnte, und siehe da, sie verwenden diese für ihre schnöden Absichten, um in mir ein frohes Gefühl zu erzeugen (jene würden hier natürlich »erstellen« schreiben) und mich zu übertölpeln versuchen. Sie wollen, daß ich zu ihrem Vorteil gerne, also mit frohem Mut, bei ihnen kaufe. Tölpeltölpel. Es ist ihnen nicht gelungen. Vielmehr können sie mich gerne mal … Da stimmt's vielleicht.

Anstatt eine Erstellung zu erstellen
oder: Der spezielle Ausdruck ist immer anschaulicher als der allgemeine und diesem vorzuziehen. Außerdem wirkt der »Ersteller« meistens ein bißchen beschränkt, so als wisse er kein anderes Tätigkeitswort, jedenfalls bei Leuten mit Sprachgefühl und Sprachverstand.

Deshalb folgt hier eine unvollständige Liste vieler Wörter, die im richtigen Zusammenhang immer genauer den Sinn einer Erstellung treffen können als »erstellen« – halbfett die unmittelbaren Synonyme, jeweils in einem speziellen Zusammenhang:

abfassen • abwickeln • anfertigen • anordnen • arbeiten an • arrangieren • aufbauen • aufrichten • aufschlagen • aufstellenaufzeichnenausarbeiten • ausbrüten • sich ausdenken • ausführen • ausgestalten • aushecken • ausknobeln • ausrüsten • ausstatten
bauenbehandeln • bereitenbilden • bewerkstelligen
darlegen • drucken*) • durchführen … aber nicht: »zur Durchführung bringen«
einbauen • einrichtenentwerfenentwickelnerbauenerdenkenerfindenerfüllen • erledigen • errichtenerschaffenersinnenerzeugen • erzielen • etablieren
fabrizierenfertigstellenfertigenformen • formulieren
gestalten • gliedern • gründen • gruppieren
herausfinden • herrichten • herstellen (Dieses Wort kennen die Ersteller offenbar nicht.) • hervorbringen hinstellen • hochziehen
implementieren
konstruierenkonzipierenkreieren (geschrieben sieht das allerdings dumm aus, man sollte es nur sprechen)
leisten
machen • meistern
ordnen • organisieren
produzierenprogrammierenprojektieren
realisieren
schaffen • schreiben*) • skizzieren
umreißen • umsetzen
verarbeiten • verfassenverfertigenverrichten (Gebet, Geschäft) • vervollkommnen • vervollständigen • verwirklichenvollbringen • vollenden • vollführen • vollziehen
zeugen (ist besser als »Kind erstellen«, so allerdings könnten die Herren Ersteller und Erstellerinnen leicht auch schreiben) • zubereitenzusammenstellen

*) und jede andere spezielle Tätigkeit (Es gibt ja so viele Verben!)

• Mindestens 95% aller Journalisten mißachten diesbezüglich die Grammatik:
»Schier zum guten Ton gehört der große Fisch: aus aller Herren Länder. Daß AUS den 3. Fall "regiert", hat sich herumgesprochen. Aber mit den als Dativ empfundenen HERREN glaubt der Faulpelz, seine Pflicht gegen die Sprache erfüllt zu haben. Dennoch heißt es richtig: AUS ALLER HERREN LÄNDERN. (Aus den Ländern — aus den Ländern aller Herren!)«
Zitat aus: [Hans Reimann: Vergnügliches Handbuch der deutschen Sprache. Düsseldorf und Wien: Econ 1964]

Mit Google gesucht: »aus aller Herren Länder« = 19100 Treffer • »aus aller Herren Ländern« = 861 Treffer: = 4,31 % von allen 19961. Mit vermuteten 5 % hatte ich also noch übertrieben, allerdings »mindestens« gibt meiner Schätzung nun hundertprozentig recht).

am besten weiter gleich bei Werthers Leiden

• Gretchenfrage und Quantensprung
Jeder Journalistentropf (ist nicht übertrieben, das heißt ja nicht: jeder Journalist!) benutzt bis zum Überdruß die Gretchenfrage und den »Quantensprung«. Kaum jemand vermag deren Frage zu zitieren: »Nun sag: wie hast dus mit der Religion?«, und beinahe niemand versteht, was ein Quantensprung tatsächlich ist (s.u.), aber alle haben genügend Vokabelkenntnisse, daß ihnen in irgendeinem Zusammenhang ein solches Wichtig-Wort angebracht erscheint. Beliebige Fragen werden als die »G-Frage« ausgegeben, was häufig deplaziert anmutet, und ich argwöhne, daß die meisten, die den Quantensprung bemühen, ihn mit dem »qualitativen Sprung« verwechseln, wenn also, falls eine lineare Größe quantitativ über einen Schwellenwert wächst, sie urplötzlich eine neue Qualität annimmt. Das ist dann ein nichtlinearer Effekt: Der Wasserstand im Eimer wächst stetig, bis der voll ist, und mit einem Male schwappt das Wasser über. Der Quantensprung ist im übrigen kein qualitativer Sprung.

Geisteswissenschaftliche Aufschnapper suchen für ihre Vorurteile ständig Exempel mit Vorliebe in den Natur- und Ingenieurwissenschaften; auf diese Weise möchten sie wohl seriös und wissend wirken. Die »psychische Energie« ist auch so ein Exemplar oder gar das »Feinstoffliche«! Es sind bloß Metaphern, die aber als Analogien herhalten müssen, damit ihnen Wahrheit zukomme. Solche Begriffe arbeiten sie kennerhaft auf, bringen sie ein und imponieren dadurch allen ebenso Halbgebildeten. Da stehen die Wörter wichtig im Kontext zu mystischen, religiösen oder hermeneutischen Überlegungen und erschließen ein höheres Verständnis bzgl. ihrer vagen »Systeme«. Scharlatane brüsten sich anmaßend und präsentieren eine Wissenssouveränität, die sie nie hatten und nicht haben werden.

In Wirklichkeit — und jetzt kommt endlich die Erklärung — tut man doch einen Quantensprung: wenn man sich mal so richtige, dicke Quanten anne Füße, falls man mit denen gerade keine Mallessen hat, schnallt und damit einen gehörigen (Haupt- oder Neben-) Satz vollführt, bis übern Jordan hinweg. Oder manch einer könnte ihn wohl noch steigern zu einem »Overkill an Quantensprüngen« — ist alles schon so ähnlich dagewesen in der Imponierschreibe moderner Halbbildung. Mir graut vor ihr.
PS:Ein exorbitantes Exemplar des Quantensprungs steht auch in …

• Kanzleideutsch …
… ist der Überbegriff für alle Versimpelung, wenn insbesondere Beamte und Kaufleute, weil ihnen kein gebräuchliches Wort einfällt, ein neues erfinden, mit dem sie alsbald ohne sprachlichen Skrupel leben wollen. Solche Kanzleibegriffe werden vorwiegend gebildet, indem eine Vorsilbe (be-, ver-, ent- …) vor ein Hauptwort gesetzt und die entstandene Kombination als Tätigkeitswort mit »-(e)n/-ieren« ergänzt wird:
Beinhalt Einige der überverkommendsten sind: be-Inhalt-en (unbedingt als Bein-halten zu sprechen!), ver-Beamte-n, er-Stelle-n (ursprünglich allerdings »landschaftlich« geprägt) , be-Vormund-en (ist schon fest einge-Bürger-t und wirkt nicht mehr befremdlich, weil es auch kein gutes Ersatzwort gibt, außer vielleicht: am Gängelband führen, anordnen, beeinflussen, befehlen, bestimmen, dirigieren, einwirken auf, gängeln, lenken, manövrieren, vorschreiben, u.v.a.), oder anstatt daß ein Verb aus einem Substantiv gebildet wird, nun ein solches aus einem Adjektiv: Ver-genau-erung und weiter: be-Aufschlag-en, aus-Termin-ieren, ver-Ort-en (da waren die Beamten wohl solche vom Soziologen-unver-stand), be-Vorschrift-en, ent-Sorge-n und ent-Staub-en (tja, auch schon längst im Hirn einge-Fleisch-t), um-Funktion-ieren (Hurra, ein Sprachverfallswort, Jahrgang ca. 1966, hat nicht überlebt: ein großer Erfolg für …), oder ein Vorhaben sei ge-Willkür-t usw. Es kommen noch welche hinzu …
Zu den verbeamteten (der Denglishman liest »verbeamt«, von dtsch. »beamen«) Wörtern gesellen sich im Kanzleideutsch die Versubstantivierung und die satzmäßige Verumständlichung hinzu. Aber die stehen (demnächst) auf einem anderen Blatt.

Und noch eins: Auch auf einem ganz anderen Blatt stehen werden Jugend-, Spaß- und Neusprache (nicht die aus »1984«, die ist Kanzlei-). Jene sind oftmals pfiffig, ironisch und bilden tatsächlich neue Um- und Gegenstände ab, die es bisher noch nicht gab. Also gegen »googlen« und »Handy« ist nichts einzuwenden. Ich vermute sogar, daß in etwa 10 Jahren »Handy« als Fremdwort ins Englische eingegangen sein wird.

Schlimmes Denglish entsteht erst, wenn man ohne Not, vielmehr sogar aus Blödheit und Unverstand unschuldige englische Wörter zu deutschen Verben beugt und erbricht, oder weil einem nichts aus dem reichhaltigen deutschen Wortschatz – verfangen im Schablonismus – einfällt oder weil eins heutzutage noch meint, mit Denglish (Abk. für »Dummes Englisch«) könne man jemandem imponieren. Solche Verballhornungen wie »tea42« oder »good4you« stammen aus Jokehausen und wirken schon beim zweiten Lesen abgeschmackt, da man ahnt, daß sich biedere deutsche Geschäftsinhaber deswegen übermäßig gescheit vorkommen.

• Versprechung
Der Kanzler meinte am 29.6.2004, die Nato müsse gegenüber Afghanistan die »Versprechungen« einhalten. Einige Stunden später gab er wieder ein Interview und sagte fast dasselbe, nur sprach er nun von »Versprechen«. Einer aus seinem Tross in Istanbul muß ihn auf den Fehler aufmerksam gemacht haben. Er war also lernfähig oder hatte sich nur versprochen. An diesem Vorgang läßt sich auch ablesen oder zumindest vermuten, daß lange Kanzleiwörter leichter von den Lippen fließen als kurze umgangssprachliche Wörter. Eins auf »…ungen« muß dem Wichtigsprecher leichter fallen als ein treffender Begriff, denn unabhängig von kanzleideutsch bedeutet eine »Versprechung« keinesfalls dasselbe wie das »Versprechen«. Ein »Versprechen« ist ehrbar; der es abgibt, verspricht gleichzeitig, es zu halten, während die Versprechung eines ist, das von vornherein nicht eingehalten werden soll. Also ist eine Versprechung immer eine leere. Das muß dem Kanzler einer gesagt haben, sonst hätte er sich nichtsahnend wiederholt.

Und nun hieran ist exemplarisch abzulesen, was die Sprachverhunzer anrichten: Sie stören – unbedarft & unbedacht – die Wörter in ihrer überkommenen Bedeutung, reden und schreiben weniger exakt, mehr irgendwie falsch & irgendwo richtig, falls sie überhaupt richtig denken können, denn wir Menschen denken bekanntlich in Begriffen, und erzeugen (oder »erstellen«?) beim Empfänger der Nachricht eventuell falsche Bedeutungen und ein Mißverständnis. Dieser Effekt ist nur einer unter dreien, den die Verhunzer und Verhunzerinnen hervorrufen. Die beiden anderen sind Unwille über die Häßlichkeit ihrer Sprache, das ist der ästhetische Aspekt, und der andere betrifft die Vorbild-Wirkung: Sie bilden Nachahmer des Kauderwelschs aus, welche ihnen nicht gewachsen sind, und diese verwenden die angerichteten Schablonen als solche. Ein Teil des »Sprachwandels« kommt auf diese Weise zustande, eben als Folge der Sprachverhunzung.

• »Denglish« – hier nur wenige Beispiele, sie werden laufend ergänzt, jedoch keineswegs kommentiert, denn sie sprechen für sich:
In einem Unternehmen soll das Lager outgesourct werden. • Wir haben die Adressen anschließend concatenetet. • So können Sie Mainframe-Anwendungen … ohne Risiko rightsizen. • Der Fußball-Erstligist … besiegte mit seinem relaunchten Alt-Star … • Es hätte noch wesentlich schlechter ausgesehen, wenn wir … mit nicht verschraubten Grundträgern gecrasht hätten • Updates werden gedownloadet: 93% (WindowsXP-Systemmeldung) •

• »Eierloch«

Zwischen »Eierlikör« und »Eierlöffel« fehlt sowohl im brandneuen Duden als auch im genau so neuen Wahrig noch immer das »Eierloch«; nur im Wikipedia-Wörterbuch [http://de.wiktionary.org/wiki/Eierloch] ist es in seriöser Weise, fast bierisch ernst, enthalten und abgehandelt.

Allerdings: »Aufgrund regelmäßigen Vandalismus musste die Seite Eierloch leider für nicht angemeldete und neue Benutzer gesperrt werden. Diese Benutzer können darüber jedoch diskutieren oder eine Entsperrung beantragen.« (Da fehlt der Apostroph nach Vandalismus, des Genitivs wegen.)

»Fang mich doch, Eierloch!« – Dieses Kunstwort kennt heute fast jedes Kind, und wir alle haben ein arges, nur assoziativ bestimmtes Vergnügen an ihm, so wunderbar zwischen obszön, erotisch & deftig; man bedenke: Loch(!) und Eier(!). Wer das zuerst kreiert hat, war eine wahre Künstlerin und offenbar schon als Kind sprachmächtig, es wußte, daß, wenn es sich reimt, auch rhythmen müsse und hat, ein »Arschloch« um des Tribrachys‘ (Schnelläufer) willen vermeidend, auf lyrisch-verrätselte Weise das Eierloch kreiert, welches offensichtlich da irgendwo in der Nähe liegt, in assoziativer Nähe zum Unterleib, irgendwie.

Daß dieses Wort solcherlei Vorstellungen hervorrufen muß, läßt sich am zitierten Vandalismus ablesen. Da werden vermutlich Unholde und ihresgleichen ihr empörendes Spiel getrieben haben. Und wie häufig das von Duden und Wahrig so schmählich ignorierte Wort gebraucht wird, kann jeder erfahren, der es als Google-Suchwort eintippt. Ich hätte es nicht geraten: Bei der Einschränkung »Seiten auf Deutsch« wird die Zahl 1380 angezeigt und ohne diese Klausel gar 8230. Man kann mal wieder nicht alles lesen.

Selten ist mir (und Ihnen?) ein Wort begegnet, daß bei aller Unklarheit – die wird von vielen Erklärern betont – ein so komplexes, wohliges Gefühl aus heimlicher Geilheit (im guten alten Sinne), Lachlust und Verwunderung hervorruft: Gefühle pur, denn Sache ist keine. Man beobachtet gerührt und vergnügt die »unschuldigen Kinder«, die begeistert und mit rotem Kopf vor Eifer sich haschen lassen wollen und keinerlei Bedenken haben, dem Vandalismus Vorschub zu leisten.

UnGzAvS ist normalerweise nicht dafür da zu loben, sondern, wie schon in der Satzung angedeutet ist, anzuprangern und auszumerzen. In diesem Falle aber gilt die Ausnahme: »Einmerzen« in die einschlägigen Wörterbücher soll hiermit gefordert werden.

• Zu Fehlübersetzungen durch unbedarfte Fachleute (Fachsimpel) gibt es zunächst ein eigenes Kapitel grundsätzlicher Art in den Essays. Hier werden nur ein paar Exemplare öffentlich ausgestellt:(offensichtlich noch nicht)

• ääh
Neulich habe ich einen Vortrag mit anhören müssen, in dem die Rednerin etwa jedes siebente Phonem als ganz kurzes »äh« artikulierte, eilig haspelnd. Ein »zurück-äh-greift« habe ich mir aufgeschrieben als Gipfel ihres Ähzwangs, weil sie manchmal, wenn wieder eins fällig war, im Siebenerrhythmus, es nicht zwischen zwei Wörter, sondern sogar ins Wort eingefügt hat. Eigentlich sollte jetzt nur diese scheußliche Angewohnheit des Zwischengeräuschs im gesprochenen Vortrag angeprangert werden, aber dann habe ich mich wieder erinnert an einen Aufsatz Heinrich von Kleists, weil ich vorher schon eine Abhandlung schreiben wollte »Über das unzureichende Entstehen von Gedanken beim Reden«, das Haspelreden. Schließlich wurde das Ääh-Thema viel länger, das Haspeln also für einen weiteren aufgespart und verschoben, und zunächst jenes als Essaychen erschöpfend abgehandelt. Man kann es nun …ääh… lesen.

• Haspelreden
Nun endlich ist es gelungen, das Essaychen »Über das unzureichende Entstehen von Gedanken beim Reden« fertigzustellen. Eng verschränkt mit dem anderen, »Ääh«, stellt es eine umfassende Entgegnung zu/gegenüber Kleists Behauptung im Aufsatz dar »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«. – Eben nicht! Bei manchen verfertigt sich’s nicht recht, vielleicht bei Kleist oder mir, da kann das manchmal klappen, wenn es nicht zu lang angelegt ist, aber bei den meisten geht das ungezügelte Reden – »frei« kann man das eben nicht nennen – in Verhaspelung über: (Das Beispiel bitte laut und konzentriert lesen, und hastig!)

Siesie, sie kommen oder anders gesagt von einem, wenn man natürlich bedenkt, ääh, sozusagen, daß das eine mit dem anderen eigentlich nichts, also woll‘n mal sagen, fast nichts zu tun, und natürlich auch wenn einer, oder auch manchmal, aber das ist ja selten, hähä, eine, also ‘ne Frau, also darüber echt also mal echt darüber mal nachdenkt und dann kommst gleich du, also ääh dazu, du, nä?, wenn du nur, also nicht wirklich, aber, aber aber tatsächlich ist dada dada damit natürlich eigentlich nichts zur Aussage gekommen, gekommen, vielmehr, also vielmehr braucht’s, braucht es, das kommt eigentlich ganz klar raus, jedenfalls meiner Meinung nach, wenn einer sich, ääh, schon über beides, also woll’n mal sagen, so seine Gedanke, also eigene, seine eigenen, ureigenen Ideen, also da da hätt‘st du natürlich Probleme, also du sicher, also du ganz sicher, das ha’m wir, das ha’m wir, das ha’m wir ja oft, also hab’n wir ja, wenn du das zur Sprache, ääh zur Sprache bringst und ääh, da müßtest du mal echt drauf achten, wirklich …

Aber man versteht es doch. Fast. Wir haben offensichtlich auch angesichts & angehörs vollendeten Haspelns die Fertigkeit, alles Beiwerk hinauszufiltern und nur was der Haspelredner vermutlich sagen wollte, zu empfangen. Deswegen funktioniert es trotzdem. Ja, wir bemerken das Überflüssige und Wiederholte und Unganze, (den Wörterbruch) nicht einmal, sondern sind andauernd bemüht aufzunehmen, was zu verstehen gegeben werden sollte. Das stellt eine ansehnliche Kommunikationsleistung unsererseits dar. Aber haspeln Sie mal gegenüber einem Ausländer! Böhmischen Dorfbahnhof versteht der und nicht mehr.

• du
Das sog. »dumme du« haben die Leute von den Amerikanern gelernt, die sagen one oder eben you, wenn sie »man« meinen. Aber diese dämliche Anleihe klingt im Deutschen einerseits gestelzt und andererseits anmaßend, indem einer, wenn er in Wahrheit nur von sich redet, dennoch »du« von sich sagt, den Gesprächspartner als gespiegeltes Ich plump vertraulich mißbrauchend, tatsächlich aber bloß über seine eigenen Umstände und Vorurteile redet und naßforsch verallgemeinert. Ein »man« wäre viel zurückhaltender und eher unverbindlich, wenn er schon nicht von sIch sprechen will. Das »dumme du« aber macht die unmaßgeblichen Bekenntnisse zu Welterkenntnissen, solchen wohl auch, die du nur mit Überdruß und Abscheu anhören kannst. Auch vernimmst du sie ständig bei Interviews im Rundfunk. Ist es nicht?

• »Tätermäßig habe ich nie etwas damit zu tun gehabt.« (wörtlich)
Sprachmäßig ist da manches übermäßig saumäßig; beispielsweise Martin Walsers Antwort in einem Spiegel-Interview. (Er sei an keinen Greueltaten während der Nazizeit beteiligt gewesen, wollte er sagen.) Selbst bei der dort üblichen Genehmigung des Drucktextes ist ihm sein sprachlicher Lapsus nicht aufgefallen, und er hat es nicht schammäßig korrigiert. Den Sprachverhunzern aber ist alles mäßig. Weil ihnen – gesprochen oder geschrieben – kein treffendes Adjektiv einfällt oder weil sie zu träge sind, eine kurze Umschreibung zu formulieren, beugen sie das Recht auf Redeweise und kombinieren Verben und Substantive verunstaltungsmäßig mit »-mäßig«. Man darf dazu nicht all zu viele Beispiele anführen, denn die Manier färbt ab; aufeinmal ertappt man sich, nachdem man fleißig parodiert hat, daß einem das selbst rausrutscht: unverstandsmäßig, Hals-über-kopf-mäßig oder artikulationsmäßig. Ich sammle solche Sachen und wäre dankbar, wenn mir jemand unmäßige Beispiele mit Quellenangabe mitteilte, liebenswürdigerweise, Quatsch: huldigensmäßig.

SALE steht auf großen Plakaten in den Schaufenstern, manchmal wird es schockweise dort wiederholt, ohne weiteren Hinweis darauf, wofür es wirbt, nur daß da etwas »SALE« sei, so etwa:

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Woher nur kommt in den Vorstellungen der Reklamefuzzies die Überzeugung, daß Kinder und Jugendliche durch solchen Bombast amerikanischer Wörter zum Gucken & Kaufen angeregt würden? Gilt das als chicer als chic? Wieso meinen jene, daß jemand aufmerksamer schaut, als wenn da irgendein deutscher Verkaufsförderungsbegriff steht? Aber vielleicht schaut gar kein Jugendlicher genauer hin, vielmehr könnten die Promotioner ihren Auftraggebern, welche auch nicht schlauer sind, bedeutet haben, einreden und suggerieren, daß sie ihre Arbeit mit Pfiff & Pep erledigt hätten, also zu Recht Honorar dafür verlangten, da sie solch einvielfältiges Überplakat, das sie designedet haben, stolz abliefern, modern und mitten auf dem Gleis für den train of the time? Zumindest auf mich wirkt diese Masche so kleinkariert, einerseits so möchtegern und unbeholfen, andererseits aber großsprecherisch und angeberhaft, daß es mich gruselt. Mir wird regelrecht mau im Magen, wenn ich solches bemerken muß, wegen der von mir vermuteten übergroßen Stupidität, die da auf die Konsumenten losgelassen wird. Ich bin ihr nicht gewachsen und kann sie nicht souverän genug ignorieren. Wahrscheinlich aber haben diejenigen, die den Schwachsinn verbrochen haben, nicht damit gerechnet, daß er nicht nur auf Gleichgültigkeit, sondern gar auf Unbehagen stößt, und dann ist der Schuß – ja, sie haben einen Schuß! – nach hinten losgegangen: Ich jedenfalls vermeide es nun, im Winterbacksale bei Salemeier und Consorten einzukaufen. Aber ob das reicht?

• »… in einem Wort mehrere Wortbedeutungen mittels akustischer Ähnlichkeit zu amalgamieren …« (Aus einem Text von Jan Philipp Reemtsma. Es geht um »Ulysses« von James Joyce)
»(bildungsspr.) … verbinden, verschmelzen, vereinigen« Das Attribut »bildungsspr.« im Duden verweist auf eine Manie mancher Schreiber, nämlich sich gewählt auszudrücken, indem sie außergewöhnliche Wörter gebrauchen, auch wenn sie gewöhnliche Dinge sagen. Um wieviel anschaulicher wäre jener Satz geworden, wenn da stünde »… verschmelzen zu lassen«, anstatt daß einer die Quecksilberlegierung in den Mund nimmt. Abgesehen von »mittels akustischer Ähnlichkeit«, die auch ersetzt werden könnte durch »…, weil sie ähnlich klingen, …«. Die Manie des Hochgestochenen, der Bildungsspr., verführt Leute mit Anspruch dazu, sich abzuheben aufs Podium des Nicht-Gewöhnlichen: »Achgott, was sind wir vornehm, wir sind so schrecklich vornehm!« – »Und gebüüüldet noch dazu!« Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Die Imponierschreibe also wird nur von Laien für voll genommen, jede(r) andere bemerkt sie, ist rasch abgestoßen, schämt sich mit dem Autor ob seiner Verirrung und geht auf Distanz. Solche Leute leben offenbar im Wichtigturm hoch über der Sprache und schauen verächtlich auf die gewöhnlichen Wörter herab; »herab« ist richtig, denn unsereiner lebt unten und unter ihr.

• »Wir beobachten heute im Sudan eine humanitäre Katastrophe.«
Beinahe allmonatlich hört man einen solchen Satz, meist von BAM Fischer. Die »Schauplätze« wechseln, und er sorgt sich um »das Schicksal« der Völker, wie es seine Pflicht ist; nur um seine Ausdrucksweise nicht, die ist ja auch bloß sekundär. Aber die »humanitäre Katastrophe«, den sorglosen Verhundzteutschern nachgeschwätzt, ist ein unbeabsichtigtes Oxymoron, deswegen ein mißgebildetes, denn »humanitär« hat immer nur die Bedeutung von menschlich helfend, menschenfreundlich, wohltätig, aber nicht im geringsten von »bezüglich unserer Menschen als solchen«. Also steht da wörtlich: »eine wohltätige Katastrophe«. Wirklich, bei denen Schwätzern sind die Fremdwörter immer nur Pechsache, und die Nachschwätzer verbreiten sie noch im Radio. Da fällt etwa einem halbgebildeten Wichtigtuer ein falsches Fremdwort ein, er benutzt es eifrig, und es entsteht offenbar ein Sog, der andere seiner Art mitreißt, sie verführt nachzuahmen und ebenfalls wichtig, aber daneben zu reden. Schon ist der Sprachwandel im Gange. Diese kleine Überlegung führt zu dem gemeinen Schluß, daß aller, also gut: der größte Teil des Sprachwandels seine Ursache im Mißbrauch von falsch verstandenen Wörtern hat – is' doch 'ne geile These, eeh! – und sich der Menge der Mitschwätzer bemächtigt, die den Mißbrauch ebensowenig bemerken wie der Verursacher. Aber für solcherlei Verursachung habe ich auch noch eine andere Erklärung, die ist schöner:

• schlank wie eine frugale Pinie
Wenn man von einer Frau sagt, sie sei schlank wie eine Pinie, so weiß mancher heutzutage um den feinen Scherz. Ironie war der Nährboden für diese Wendung, aber zu einer Zeit, da noch nicht alle Leute nach Italien fuhren, oder heute, da die Touristen dort sich zwar um Pizza mit Pommes und Majo, ersatzweise Ketch, kümmern, aber doch nicht um die Namen der dicken Bäume, auf die sie blicken, konnte eine Dame sich geschmeichelt fühlen, und der Sprecher durfte sich diebisch freuen. Dieses war der erste Fall; und der zweite folgt sogleich:

Wenn man heute die einzelnen Glieder/innen der Bevölkerung danach fragt, was sie unter einem frugalen Mahl verstehen, so meint die eine Hälfte »üppig«, die andere »karg«. Da muß vor Zeiten ein Spaßbold beim Anblick eines wohlgedeckten Tisches mit dem ironischen Ausruf »Da wartet auf uns aber ein frugales Mahl!« aufgetreten sein, feinsinnig lächelnd, und ein Zuhörer querab hat es nicht ironisch verstanden, sondern dem offensichtlichen Sinne nach, und hat es auch verbreitet. Seit der Zeit existiert »frugal« doppeldeutig, und bald wird es genau wie die »Untiefe« zwei gegensätzliche Bedeutungen angenommen haben, mag es sich auch noch so dagegen wehren.

»Pünktlich wie die Maurer« – der dritte Fall – hat bereits seinen ironischen Aspekt so gut wie verloren; man benutzt den Ausspruch, wenn man selbst auf die Minute pünktlich ist. Früher dagegen kamen die Maurer allesamt zum angesagten Termin überhaupt nicht, weil sie beim vorigen Bauwerk, bei dem sie ebenfalls später als geplant angefangen hatten, noch längst nicht fertig waren. Damals war die ärgerliche Invektive also (ohne Ironie:) »Unpünktlich wie …«, wenn einer viel zu spät zum Treffen kam, und sarkastisch zu verstehen; sie wurde so verstanden.

Auch die »humanitäre Katastrophe« könnte ihren Ursprung in der bewußten Ironie des Oxymorons haben, weil einer mit dem ironischen Drang, seine Mitwelt zu verwirren, diese Wendung geprägt hat und nun abseits vom Sprachtrubel genüßlich verfolgt, wie sie ihren Weg durch die Ministerien, Amtsstuben und Redaktionen macht. Resümee: Wer den Sprachwandel beschleunigen möchte, schaffe ein unkenntliches Oxymoron und verwende es in biederem Ernste. Es wird sich garantiert rumsprechen und verbreiten, denn in seiner gewählten Art des Ausdrucks zieht es alle an, die mitreden wollen.

Nachtrag: Vielleicht hatte auch der »Quantensprung« im heutigen bedenkenlosen Sprachgebrauch ursprünglich eine mokante Quelle: Irgendein gescheiter Physiker hat – feinsinnig – das Wort ironisch, also im konträren Sinne, gebraucht, um anzudeuten, wie geringfügig irgendein scheinbar wichtiger Effekt sei, etwa wie jeder moderne Paradigmenwechsel, aber irgendeine beeindruckte Zuhörerin oder ein unverständiger Bewunderer hat den unbekannten Ausdruck platterdings als fette bare Münze genommen.

»Das ist mir uneeendlich wichtig.«
Wenn auch nicht alle Leute genau wissen, wie weit »unendlich« reicht, und warum es ihnen so … wichtig ist, bleibt doch ihre Übertreibung genau so unendlich groß wie sie's äußern, ebenso, wie wenn einer irgendetwas »waaahnsinnig gut« findet. Beides u.a. sind hilflose Versuche, einem Gegner darzutun, daß er doch gefälligst etwas genauso wahnsinnig unendlich finden solle wie man selbst. Es gelingt nur nicht.

Lichtenberg (1742 – 1799) hat diese Manier zu seiner Zeit auch schon registrieren müssen, es ist also eine Sprachdummheit mit Tradition: Es ist zum Erstaunen wie sehr das Wort unendlich gemißbraucht wird, alles ist unendlich schöner, unendlich besser pp. Der Begrif muß etwas angenehmes haben, sonst hätte der Misbrauch nicht so allgemein werden können … (J641[L]/J661[P])

In meinem leider nicht so berühmten Buch »Datenstrukturentwurf« im Kapitel über das Prüfwesen für »Ewige Wahrheiten« gibt es eine Liste von Beiwörtern, jedes mit einem Faktor versehen, so daß man ermessen kann, wie sehr ein solches höchstens ein beschreibendes Adjektiv – beispielsweise »wichtig« – unterstützen können soll: { kaum = 0,1; lediglich = 0,15; etwa = 0,2; ziemlich = 0,33; sozusagen = 0,45; beinahe = 0,55; eigentlich = 0,7; reichlich = 0,8; durchaus = 0,9; angemessen = 0,98; echt = 1,05; sehr = 1,15; total = 1,27; vollkommen = 1,4; überaus = 1,45; unglaublich =1,55; extra = 1,6; super = 1,7; hyper = 1,75; übermäßig = 1,8; ungeheuer(lich) = 1,92; wahnsinnig = 2,05; viel zu = 2,18; echt kraß = 2,25; übertrieben = 2,4; unermeßlich = 2,55; unendlich = 3,1 }. Man sieht, wie wenig man »rein«(!) objektiv mit solchen Beiwörtern ausrichten kann; »unendlich« hätte wortwörtlich und mathematisch einen viel größeren Wert als z.B. 3,1. Aber viel schlimmer, man schafft es gar nicht, die Verstärkung zu verdreifachen, im Gegenteil: Eine inbegriffene Kontradiktion entsteht unmittelbar und beiläufig. Bei fast jedem Zuhörer, wahrscheinlich auch bei Zuhörerinnen, stellt sich sofort ein Vorbehalt ein, man unterstellt automatisch und zwangsläufig die Übertreibung als notwendig, damit allein das simple Urteil »wichtig« oder »gut« vermittelt werden kann, und schließlich nimmt man solche Übertreibung gar als Verringerung der Aussage auf: Wer so übertreiben muß, hat's nötig. Wenn etwas »gut« ist, hat dies einen viel größeren Wahrnehmungseindruck als »wahnsinnig gut«, ja »ziemlich gut« wird ein Stück stärker als ein »ungeheuer gut« empfunden, so daß also »uneeendlich« gerade nur für Jugendliche, die ihren Ausdruck noch finden müssen, durchgehen kann, aber nicht bei gestandenen Kulturschaffenden, die sich sehr häufig im Radio so äußern, wenn sie interviewt werden. Als »sprachmäßig hilflose« Laien entpuppen sich manche, es sind ziemlich viele, und werden doch nicht in ihre Schranken verwiesen, weil sie ihre Meinung als so uneeendlich bedeutend ausgeben. Das reicht allerdings nur für wenige Sekunden.

• Baumelseele
Wenn einer einen Ast sich lacht, beispielsweise der Herr Wiesengrund, und darauf hüpft und mit den Beinen baumelt, so ist der Ausdruck, wenn man ihn zum dritten Male hört, schon nicht mehr gar so lustig, aber tolerierbar. Das ist ja auch Spaß. Keinesfalls gleichermaßen aber das abgekuperte, nachgeschwätzte, bis zum Erbrechen wiederholte Wesen, das da nebendran baumelt, wenn eine – immer nur Frauen tun das – ihre »Seele baumeln« läßt. Nur beim allerersten Mal lächelte man sich vielleicht ein Ästchen, aber nimmt’s nicht als Witz, sondern als abgeleitetes Bildchen, na schön. Schon beim zweiten Mal jedoch geriet diese originär gemeinte, oft fast inbrünstig zitierte Wendung zur Schablone, sie ist ja nicht selbstausgedacht, sondern gewagt übernommen; die Frau aber hat auch sich mit diesem Ausdruck übernommen, gewagt, weil der Ausdruck ja nicht ihrem biederen Stilniveau entspricht, sondern einem anspruchsvolleren, sie hat sich’s bescheiden gehoben formulieren wollen, wie sie’s vernommen hat und fand’s echt gut; das entsprach auch ihrer meditativen Irgendwiestimmung, entspannungsmäßig. Und nun baumeln auf dem von mir nur widerwillig gelachten Ast diese ganzen Weibsseelen, alle nebeneinander, und ich langweile mich mit ihnen, weil ich ja wegen des Einheitsausdrucks sie gar nicht mehr – irgendwie – voneinander unterscheiden und verstehen kann: baumel baumel, allemiteinander. Da äußert sich weib hilflos nach Schema, bemerkt nicht das überkommene Muster und glaubt stattdessen, sie hätte selbst etwas Zutiefstes gesprochen. Ich kann sie überhaupt nicht leiden, deswegen. Mir kommen solche genauso vor, wie jene – meist männlichen – Zeitgenossen, die an ihr bestes Stück, ihr Auto, einen jener Witzaufkleber, oder gar mehrere, geklebt haben, die es auf dem Jahrmarkt zu kaufen gibt. Ein Dauerwitz am Heck eines Autos kann sich mit der Baumelseele durchaus messen. Fremdbezogen, ohne eigenen Einfall, nichts davon selbstgemacht oder gedacht, nur gelacht hat man über den aufgeklebten Joke. Sie, man und weib, in der Gewißheit, daß ihnen auch nur der bescheidenste selbst nicht hätte einfallen können.

Eigentlich (gewissermaßen sozusagen) wollte ich nicht auf die wandelnden Witzableiter in T-Shirt eingehen, die da auf’m Bauch ein Scherzartikelbildchen mit sich rum, und vor sich her, tragen: man möge also auf ihren Bauch schauen und darüber lachen und bewundern, welchen Einfall sie sich da nicht etwa selbst ausgedacht, sondern gekauft haben. Vulgärproleplebskultur verfängt bei mir nicht und ist auch gar nicht Gegenstand meines … – Aber wenn der »ZEIT SHOP: Die intelligente Auswahl« einen Schal anbietet, für 59,90 €uro, auf dem – mit Nennung des Autors »Woody Allen« – steht »Die Antwort ist ja, aber wie war noch mal die Frage?« (das »ja« nicht mal in Anführungsstrichen, aber das nur nebenbei), dann flippen mir Geduld und Indolenz aus: Kulturverfall, Geschmacksniedergang, Banalitätenenthusiasmus usw. Wer so'n Schal trägt, entlarvt sich selbst, als Trottel. Jederlei Geistreichlein wird da trivialisiert, zum Verkauf freigegeben und verschweinigelt – im übertragenen Sinne natürlich: »Ein wirklich gutes Bonmot erfreut nicht nur den Geist, sondern wärmt bisweilen auch das Herz.. …« (ebenda) Das ist Werbetexter-Unrat, Formulierung im Dienste der Verkaufenden Klasse, Knechtsprodukt und von ausgemachtem Fadenschein. – Ach, ich laß' weib seine Seele baumeln, sollen sie doch diese ihre alle gut abhängen und schaukeln lassen, stört doch nicht wirklich!

• modi & stati & vor Christi
Peinlich wirkt, wer sein Licht über den Scheffel stellt und dabei das ganze Stroh verbrennt: wenn einer etwa schreibt »Lichtjahre vorher«, wie jüngst in der Frankfurter Rundschau wieder, da doch Lichtjahr kein Zeit-, sondern ein Längenmaß ist, oder »vor Christi«, da doch hier nicht der Genitiv, sondern der Ablativ (»Christo«) stehen sollte, richtig wäre »vor Christi Geburt«, ohne Geburt geht das »i« nicht; aber so sagt heute kaum jemand mehr, vielmehr eingedeutscht »vor Christus«. Und überhaupt v.u.Z. wäre weniger religiös, da man doch weiß, daß jener Jesus keinesfalls im Jahre 0 geboren sein kann, denn das gab es gar nicht, aber fast genauso wenig im Jahre 1 (gar am Jahresende zu Weihnachten), sondern eventuell irgendwann um den Dreh rum, etwa +6 oder –8. Näheres bei R. L. Fox)*. Die Zeitenwende wurde auch erst im Jahre 525 von Dionysius Exiguus offiziell nachberechnet, auf 754 ab urbe condita, und wie man inzwischen weiß, ziemlich unstimmig.

Niemand kann erwarten, daß heute jemand ein Latinum hat, aber wer's nicht hat, sollte vorsichtig sein und die Wörter nicht beugen, wie sie nicht gebeugt werden wollen. Wenn jemand die Mehrzahl von Modus bildet und in deutscher Rede »die Modi« sagt, so hat er nicht unrecht, aber peinlich wie bei den Lichtjahren wird es, falls beispielsweise die Mehrzahl von »der Status« ganz analog gebildet wird und »die Stati« rauskommen. Da merkt man gleich, wer über seine fremdsprachlichen Verhältnisse lebt. »Status« mit langem »u« wäre korrekt, aber das sagt man auch nicht mehr, es klingt etwas gestelzt, und »Statusse« klingen beinahe ordinär, auch »Staten« sind doof. Am besten sagt man dann »Zustände«.

)* Fox, Robin Lane: Im Anfang war das Wort • Legenden und Wahrheit in der Bibel. München: C. Bertelsmann 1991

• Sich zu entblöden drückt aus, daß man nicht blöde bleiben mag, sondern von der eigenen Blödheit Abstand zu nehmen gedenkt. Jedoch »Ich entblöde mich nun.« hört man ausgesprochen selten, obwohl es häufig nötig wäre, aber selbstverständlich bezeichnet sich kaum jemand selbst als bisher blöde, höchstens mal ironisch, wenn ihm ein Mißgeschick – aus eigener Blödheit – unterlaufen ist.

Hinwiederum daß ein anderer sich entblöde, liest man häufig und müßte glauben, es sei lobend gemeint. Jedoch im Zusammenhang kann man dann kein Lob entdecken. Vielmehr nur verächtliche Abneigung und den Willen zu diskriminieren.

Was ist daran faul? Ja, klar doch: Jene Verächter gebrauchen ihre Unfähigkeit im Deutschen aus Gedankenlosigkeit geradezu klassisch, indem, was sie gegen andere sagen auf sie zurückfällt: Die anderen entblöden sich, sie aber bleiben blöde, weil sie das »nicht« vergessen haben. Das kann ja mal vorkommen, aber bei ihnen bleibt solches Malheur die Regel, nicht die Ausnahme, da sie ihre Sprache ja gar nicht beherrschen, sondern den irgendwie aufgeschnappten Floskeln, ohne sie zu verstehen, aufgesessen sind: Sie entblöden sich nicht, ihre gedankenlose Sprechweise beizubehalten.

• »Restrisiko« ist ein Euphemismus, also eine Beschönigung von Leuten, die darauf erpicht sind, den Grad einer Gefahr, für die sie mitverantwortlich sind oder an der sie verdienen, herunterzureden. Risiko, Gefahr, Abenteuer, Wagnis, Experiment sind Synonyme füreinander, und natürlich deckt sich ihr Sinn im Wortfeld jeweils nicht genau, aber deutlich wird jedenfalls: Wer sich darauf einläßt, muß damit rechnen, daß aus einer Möglichkeit, die einem Mangel entstammt, ein Schaden entsteht, den »man« auszuhalten hat.

Für ein Risiko gibt es immer eine Wahrscheinlichkeit, eine objektive, die aus komplizierten Tatsachen hervorgeht, welche man aber nur schwer abschätzen kann, und eine subjektive, die der Willkür ausgesetzt ist: die einen spielen sie herunter, die anderen setzen sie hoch. Und beide reden so, als ob ihre subjektive Wahrscheinlichkeit die objektive sei.

Die Runterspieler nun verwenden »Restrisiko« als Beruhigungsmittel. Ja, man kann einen solchen unzweifelhaft daran erkennen, daß er das Wort benutzt, weil er sagen will, es herrsche keinerlei Gefahr, aber natürlich – damit stellt er seine Redlichkeit heraus – eine 0-%-ige Wahrscheinlichkeit gäbe es doch nirgendwo in der Welt, garnienicht, allerdings sei alles völlig ungefährlich, dafür könne er garantieren.

In der Risikolehr kennt man eine simple Formel: R = S x w x t. Risiko ist Schadensausmaß multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit (möglichst gering pro Zeiteinheit!) dafür, daß der Schaden eintritt, und der Dauer der Gefahr. Also gibt es gleiche Risiko-Maße für ganz unterschiedliche Wagnisse. Danach könnte – das weiß ich natürlich nicht wirklich: – das Risiko, in einer Großstadt während eines Jahres als einzelne Person totgefahren zu werden, dem entsprechen, daß ein Atomkraftwerk, um mal ein gängiges Beispiel mit »Restrisiko« anzuführen, während seiner Betriebsdauer in den GAU gerät und Hunderttausende schädigt. Beide Risiken wären, angenommen, gleich groß, und das müsse man schon in Kauf nehmen: Das Leben ist schön, aber gefährlich; man könne es auch weniger gefährlich haben, aber dann wäre es nicht mehr so schön. Und also argumentieren die Restriskaner, und sie verschieben die Argumente auf die scheinbar/anscheinend geringe Wahrscheinlichkeit zugunsten des Schadensausmaßes, das sie sich, weil es nur linear in die Formel eingeht, also beruhigend unbeträchtlich erscheint, und nicht exponentiell, auch nicht recht vorstellen können: das kriegen wir später. Nur daß »wir« in einer späteren Generation nicht mehr leben müssen.

• »in keinster Weise« war wohl mal eine wortspielerische Verballhornung (Verbal-Hornung) einer Ausdrucksweise, die jemandem nicht gepaßt hat. So vermute ich jedenfalls, denn einem Kanzleideutschen (einem aus unter beamtete Verwaltung gestellten Gebieten schauderhaften Deutschs) fällt sowas nicht ein, die können nur aufs Brutalste substantivieren. Hier muß jemand eine ironische Übertreibung, vielleicht um irgendeine ähnliche Höchstform zu karikieren, abgelassen haben, und siehe da: sie wurde nicht als Persiflage begriffen, sondern genau von denen, auf die sie gemünzt war, in ihren Wortschatz übernommen, begierig, unkunkundig und eingedenk der Tatsache, daß ihnen auch für Ablehnungen die gewöhnlichen Wörter fehlen. Nebenbei »Wortschatz«, bei manchen gleicht er eher einer Senkgrube.

So verkommt Ironie bei denen, die sie nicht verstehen, zu ihrem Gegenteil, nämlich einer wortwörtlichen Formulierung und dem Glauben daran. Die Erde ist bekanntlich eine Scheibe und der Mond ein großer grüner Käse, und manche nehmen es, wie es gesagt wurde. Die Ironie verpufft also, wie ich es beim »frugalen Mahl« und bei der »schlanken Pinie« schon aufgezeigt habe. Kindern und anderen »ironiemäßig« Minderbemittelten also mit dieser Form zu kommen, birgt ein Risiko: Die einen sind beleidigt, die anderen verstehen es nicht. Da hilft auch kein begleitendes spaßhaftes Gelächter – wir sind ja nicht bei Comedies eingeladen –, sondern gar nichts. Darum prüfe, wer ironisch formuliert, er könnte genau so verstanden werden, aber nicht, wie er’s erhofft und erwartet.

PS: Meine Ironie wird von den wenigen UnGzAvS-Leserinnen ganz sicher richtig verstanden, da habe ich euch kein Problem.

cool & Co.
Das Unwort des letzten Jahrzehnts war »kuhl«. Ausgerechnet eine Jugend, die allen Anlaß hätte, sich wg. ihrer Zukunft mächtig aufzuregen, bleibt unbeteiligt. Natürlich sind das gerade nur Gesten, Posen & Faxen, wahrscheinlich aus hilfloser Angst vor der geforderten Courage (»Couragophobie«), aber sie nehmen‘s hin, und nicht nur bloß so, sondern sogar als Kult, welcher von ziemlich ausgebufften Erwachsenen noch kräftig gefördert wird, denn solange die Jugend ihnen folgt und (engl.:) »cool« bleibt, können sie ungestört zerstören. »Cool« ist eine Marketing-Botschaft für Kleinzuhaltende, die sich dabei groß vorkommen sollen.

»open« …
… steht auf dem Schild, das da beim Friseur um die Ecke innen an der Türklinke hängt, und montags »closed«. Ich mit meiner 3 in English, damals, verstehe vollkommen, was das heißen soll. – Sie allerdings schauen wohl am besten im Wörterbuch nach! Ach, das müssen auch Sie nicht? Sie verstehen genauso vollkommen? Aber verstehen Sie auch, warum der simple Friseur nicht »offen« und »geschlossen« hat hinschreiben lassen? Eben. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Sein Motiv – »Motivation« wäre hier, wie fast immer, blöde – will ich ergründen.
Um der Verständlichkeit seiner Nachricht ist es ihm nicht zu tun, es sei denn, er hat viele Amerikanerinnen als Kundinnen. Hat er nicht, hier bei uns. Auch ist er kein »Hairstyler« oder ähnlich hochgestochenes, der bei seinem Styl bleibt und alles wie aus einem Guß anfremdelt, Ton in Ton. Aber er scheint es chic zu finden, es ist seine chice Masche (»chice« ist spitze), und dadurch, daß er fremdsprachliche Kenntnisse heraushängen läßt, ansonsten bleibt die Hose zu, möchte er wohl seine erheblichen Preise rechtfertigen, denn mein Friseur, auf ihn angesprochen, ist, sagt er, viel billiger und schneidet dennoch gut; Sie sollten mich mal sehen!
Gestern bin ich mal ganz nahe hingegangen ans Geschäft und habe mir das Schild »closed« noch näher angeguckt. Er hat es gar nicht selbst geschrieben, also sich auch nicht selbst ausgedacht, er hat es bezogen, von irgendeiner Friseurbedarfsartikelfirma, sicherlich kostenlos, und hat es hingehängt. Da mußte das auch sein Friseusenlehrling mit ihrer ungelenken Jungmädelsteilschrift aus dem 2. Schuljahr nicht auf Pappendeckel schreiben. Er hat es einfach nur hingehängt, und nun müßte man danach fragen und darüber nachdenken, was jene Firma veranlaßt hat, … Aber das sollten Sie ohne mein Zutun tun.

Sßä
»Sßä« ist ein gebräuchliches deutsches Wort, das nicht im Duden stehen kann; es hat eine ganz neue Qualität und entspricht natürlich nicht irgendeiner Rechtschreibe, schon gar nicht einer reformierten, aber das Wort benutzen fast alle: »Da ham sßä hier schon wieder die Straße aufgerissen.« Oder »Da machen sßä Gesetze und halten sich selber nicht dran.« – Das bedeutet nicht »sie«, das bezeichnet eher ein anonymes, behördliches »man«, aber »man« sagt kein Mensch in dem Zusammenhange, und hochdeutsch »sie« auch nicht, denn damit wäre eine benennbare Instanz gemeint; nein »sßä«, wie man‘s spricht, bleibt unbestimmt und verkörpert eine bloß ärgerliche offiziöse Macht. Es ist ein neues Wort. Ich denke, wenn Kafka »sßä« schon gekannt hätte, würde sein Landvermesser K. das Wort auch im Munde führen: »Sßä lassen mich einfach nicht ins Schloß.« – Obwohl: K. hat ja wohl nie wörtlich geredet.

pluralis/singularis
Jeder König & Fürst von Gottesgnaden sagt »wir« zu sich, wenn er mit Untergebenen sich herabläßt zu korrespondieren. Dieses »wir« schließt auch den Gnadengeber, von dem bekanntlich auch die königliche Weisheit stammt, mit ein. Und den Rest der Familie, weil auch in ihrem Namen und dem des potentiellen Nachfolgers gesprochen wird. Deswegen ist der pluralis majestatis, die Mehrzahlform der Durchlaucht, gerechtfertigt: »Wir ...«

Ganz anders aber wirkt der pluralis arrogans. Hier versteckt sich ein Autor, der sich gefälligst, wenn er von sich spricht, mit »ich« melden sollte, hinter einer Wand von unbekannten Gleichgesinnten, und manchmal schließt er gar, infamerweise, seine Leserinnen und Leser mit ein, so als ob er voraussetzen dürfte, daß diese auch seiner Ansicht seien oder gar leichthin nachvollziehen könnten, was er selbst heimlich viele Stunden lang ins Unreine vorgedacht hat; diese Art ist bei solchen Mathematik-Autoren üblich, die ihr Licht gern auf den Scheffel stellen. Sie wäre allerdings besser als pluralis oktroyans zu bezeichnen und unterscheidet sich von der vorigen beträchtlich.

Hinter dem pluralis arrogans nämlich versteckt sich ein unsicherer Autor, der sich deshalb aufplustert, wichtig tut und eine Autorität vorspiegelt, die ihm nicht zukommt. Er nimmt für sich in Anspruch, daß eine ungenannte Anzahl wichtiger Personen oder das allgemeine Volksempfinden oder die Meinungsführer innerhalb des Themas dieselbe Meinung verträten wie er und er nur referiere, was gut, wahr und richtig sei. Als Leser aber merkt man gleich den falschen Ton, das anmaßende Getue und ist verstimmt, denn der Schreiber scheint sich ins Anonyme geflüchtet zu haben, ihm kann man schlecht persönlich widersprechen.

Doch auch das Gegenteil läßt sich beobachten: der singularis arrogans. Auch mit ihm herrscht der falsche Ton, das Anmaßende, aber anstatt Unsicherheit wie beim pluralis arrogans dominiert nun eine übertriebene Sicherheit und Selbstgefälligkeit. Das Bedienmädel in der Gaststätte, bei dem man »mit Kroketten« bestellt hat, kommt aus der Küche zurück und sagt: »Ich habe heute keine Kroketten, dürfen’s auch Pommes frites sein?« Sie sagt nicht »wir«, was angemessen wäre, »wir« schlösse das gesamte Gaststättenpersonal mit ein, insbesondere die Köchin, sondern sie sagt »ich« und macht sich damit größer und souveräner als man es ihr abnimmt: Der Lohndiener, hätte man früher gesagt, spielt den Prinzipal. Als Hörer aber merkt man gleich den falschen Ton, das anmaßende Getue, ist amüsiert und schaut schweigend und herablassend auf das einfältige Gör, das die ganze Wirtschaft für sich vereinnahmt, weil es viel mehr darstellen will als es in Wahrheit darstellt.

Pluralis und singularis oktroyans und arrogans also verraten uns den Hochstapler, wenn wir nur genügend aufmerksam zuhören.

• »(un-)verzichtbar«
Wenn einer über einen spitzen Stein stolpert, ist dieser wohl kaum überstolperbar. Wenn ein Versteckter hinter dem Baum hervorkommen könnte, wird niemand weder diesen Umstand noch den Menschen als hervorkommbar bezeichnen. Wenn man sich von einem abwendet, ist dieser nicht abgewendet und auch nicht abwendbar. Wenn ein Mann auf seine Frau wartet, ist sie nicht wartbar, auch nicht wartiert oder gar gewartet. Aber das halbgebildete Volk spricht und schreibt – und zwar mit einem Anflug von Hochnäsigkeit und dabei gebüldet tuend – davon, daß etwas »verzichtbar« sei. Ich aber schreie laut zurück, in meiner Not: »Ich verzichte es!« Ich verzichte auch den Kerl, der so schwallt und schwafelt. Auch wenn etwas »unverzichtbar« ist, verzichte ich es, erbost.

Warum nur geht mir diese Wendung so auf den Keks? Warum empfinde ich so tiefen Verdruß, wenn jemand so redet? Nach längerem & empörtem Nachdenken komme ich auf eine Doppelantwort: Die Grammatik steht dagegen, weil intransitive Verben, die eine Präposition nötig haben (»obligatorische Präpositionalergänzung«), nur eingeschränkt passives Partizip und deshalb auch selten ein davon irgendwie abgeleitetes Adjektiv bilden können. »Der gestolperte Mann« geht gerade noch, sogar der Hervorgekommene, weil nicht erforderlich ist auszusagen, worüber der eine gestolpert und wohinter der andere hervorgekommen ist. Der hervorkommbare Baum jedoch und die gewartete Frau sind unzulässig. Die verzichtete Reform geht auch nicht, ein unverzichtetes Anliegen gar ist Sprachkarikatur. Soweit zur grammatischen Ungeschicklichkeit der so schreibenden Banausen.

Aber das war bloß das erste Argument, das zweite ist viel gewichtiger und bestätigt einen verhängnisvollen Trend: Wer so schreibt, denkt auch so, und die so denkenden, wollen die Welt dominieren. Sprachschnitzer sind oftmals und im schlimmen Falle Denkschnitzer, und diese können Ausdruck von Gemeinheit, Niedertracht und Propaganda sein, wenn jemand eine Moral zu seinen Gunsten modifiziert.

Das mag manchem wie sehr starker Tobak vorkommen, aber ich erklär’s: Verzichten kann nur jemand, also eine Person oder eine Gruppe von Leuten, die sich entschlossen haben, trotz großen Gelüsts einen Vorteil nicht wahrzunehmen. Das ist eine subjektive Entscheidung, die auf Gänsestopfleber bewußt verzichtet und sich entgegen dem Appetit kasteit. Zu entsagen setzt voraus, daß man am inneren Modell das Für-und-Wieder gegeneinander nach bestem Wissen & Gewissen abgewogen hat. Das Individuum, eine Person, der Mensch als solcher, also das Subjekt handelt (nicht). Wenn einer aber die Gänsestopfleber als verzichtbar bezeichnet, will er nur anderen Personen einreden, gerade nur denen, daß sie darauf zu verzichten haben. Das »Ich« selbst ist ausgespart. Ebenso wenn eine schreibt, die Emanzipation sei unverzichtbar, so schreibt sie im Namen einer anonymen Autorität, um Anderen etwas scheinbar Objektives einzureden. Sie will bevormunden und ihre Forderung als unumstößliche Tatsache unangreifbar(!) machen. Also »unverzichtbar« gilt für alle anderen, und so gewinnt ihre Propaganda die Macht des Namenlosen, welche nicht mehr in Zweifel gezogen werden soll, schon sprachlich nicht, obwohl der Sprachgebrauch bisher einen Riegel davor geschoben hatte. Nun ist die Wendung wohl nicht mehr vorriegelbar. Ich aber übe weiterhin Verzicht.

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NEU (09.06): Wer erfahren möchte, wozu & wer sogar einen Gedichtwettbewerb zum Thema »Das Unverzichtbare« (im Ernst!) ausgeschrieben hat, mag dorthin hyperhüpfen!

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• Forts. folgt.